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Nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und dem Wahlsieg der AfD am 6.9.2026 titelten wir mit der Einführung von Jan Fleischhauers Buch
“ Du bist nicht allein“: Die verratende Mitte eine fast schon prophetische Analyse in dem Werk des früheren SPIEGEL Redakteurs (heute FOCUS und der
Schwarze Kanal zusammen mit Carolin Blüchel). 14 Tage später passt ein weiteres Kapitel seines Buchs wie ein fehlendes Puzzleteil zu dem Ergebnis
und der Landtagswahlen und dem erneuten Wahlerfolg der AfD nun im Mecklenburg-Vorpommern. Das kluge und lesenswerte Buch von Jan Fleischhauer
war seiner Zeit voraus.
Wege aus der Krise
Das kannten wir: Wenn die Bürger mit ihrer Regierung nicht mehr zufrieden sind, suchen sie sich eine neue. Das kannten wir nicht: Die Mehrheit wählt die Regierung ab – und alles bleibt beim alten.
»Elections have consequences«, Wahlen haben Folgen, mit diesem berühmten Satz reagierte Barack Obama auf die Empörung der Gegner über seine Gesundheitsreform. Wer die Mehrheit einbüßt, muss damit leben, dass er nicht mehr das Sagen hat. Aber genau das Prinzip ist in Deutschland auf den Kopf gestellt.
»Links ist vorbei«: Das war die Ankündigung von Friedrich Merz zum Wahlsonntag. Deswegen wurde er mit großem Abstand vor seinem Konkurrenten von der SPD gewählt. Tatsächlich läuft alles weiter wie gehabt, nur die Geschwindigkeit hat sich geändert. Das Geld für den deutschen Sozialstaat fließt jetzt einfach doppelt so schnell.
Nominell ist das linke Lager stark zusammengeschnurrt. Alle Abgeordneten zusammengenommen verfügen SPD, Grüne und Linkspartei über 43 Prozent der Sitze im Deutschen Bundestag. Legt man aktuelle Umfragewerte zugrunde, vereinen sie sogar nur noch zwischen 36 und 38 Prozent der Wählerstimmen auf sich. Aber es spielt in der Praxis keine Rolle.
Das Unglück der Union ist, dass sie an einen Partner gekettet ist, der die Wirklichkeit nicht zur Kenntnis nehmen will. In der Regel geht mit einer Wahlniederlage irgendeine Form der Selbstbefragung einher. Die SPD tut einfach so, als säße sie noch immer im Kanzleramt.
Wenn wenigstens auf den Kanzler Verlass wäre. Dann könnte man sagen: Sei’s drum. Merz umgibt der Nimbus des Machers und harten Knochens, aber nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein. In Wirklichkeit hat er die letzten 30 Jahren seinen Lebensunterhalt im Wesentlichen damit verdient, anderen die Tür aufzuhalten.
Wikipedia führt ihn etwas hochtrabend als Wirtschaftsanwalt. Nach allem, was man weiß, war Merz ein mittelmäßig erfolgreicher Lobbyist, der den Ruf zu versilbern wusste, in Berlin die richtigen Leute zu kennen. Dass Merz als konservativ gilt, verdankt er den Auftritten, in denen er sich schnell in Rage redete, und dem Urteil seiner Gegner. Verheiratet, drei Kinder, nicht geschieden und zum allem Überfluss auch noch aus der Provinz: Das reicht heute schon, um als rechter Hardliner durchzugehen.
Bislang hält die Angst vor dem Scheitern die Leute in der Union zusammen. Man sollte Angst als Bindungskraft allerdings nicht überschätzen. Menschen agieren weniger strategisch, als man denken sollte. Schlimmer geht immer, wäre meine Lehre aus 35 Jahren Politikbeobachtung. Wenn der Frust überhandnimmt, rückt alles in den Hintergrund, auch der Blick auf den Tag danach.
Auch demokratietheoretisch ist es kein nachhaltiger Zustand, wenn auf Dauer zwanzig bis dreißig Prozent der Stimmen einfach unter den Tisch fallen. Wer darauf hinweist, wie neulich die Wirtschaftsweise Veronika Grimm, sieht sich wüsten Verdächtigungen und Beschimpfungen ausgesetzt. Sie sei Verschwörungstheoretikerin, hieß es.
Gibt es ein Umdenken? Es gibt Momente der Verunsicherung. »Sind die Linken selber schuld?«, lautete Ende 2025 ein Aufmacher in der »Zeit«, indem die Redaktion nach Gründen für den globalen Aufstieg der Rechten suchte. Aber das sind kurze Wetterleuchten der Klarheit. »Jetzt erst recht«, lautet der vorherrschende Tenor. Jetzt erst recht die Mauer aufrichten und für die gerechte Sache einstehen!
Es gibt zwei Szenarien. Die Linke besinnt sich. Oder die andere Seite gewinnt. So einfach ist das.
Ich glaube inzwischen, dass das zweite Szenarium deutlich höhere Chancen hat. Wenn ich wetten müsste, würde ich auf die Reformunfähigkeit der Linken setzen. Bei SPD und Grünen ist man so sehr davon überzeugt, dass Richtige zu wollen, dass jedes Zugeständnis an die Union als Verrat gilt. Wenn man ausnahmsweise doch einmal einlenkt, dann nur aus taktischen Gründen.
Was kann man tun? Mein erster Rat wäre: Überlassen Sie nicht den anderen das Feld. Das wäre die praktische Lehre aus dem Mehrheitsparadox.
Die Gruppen, die in der Öffentlichkeit den Ton angeben, sind zahlenmäßig oft erstaunlich klein. Es sind nie Tausende, die aufstehen und sagen: Die Kabarettistin, die darf nicht mehr auftreten, die macht so schlimme Witze über Minderheiten. Oder: Diesen Professor, den muss man boykottieren, der denkt so neoliberal. Es ist in der Regel ein sehr überschaubarer Kreis von Krakeelern, der Stimmung macht. Aber diese Leute sind gut organisiert. Und sie sind vernehmbar, deshalb setzen sie sich durch.
Auch das ist ja ein Problem des Mehrheitsparadoxes. Wenn man denkt, dass man ohnehin nichts ausrichten könne, weil man in der Minderheit sei, wirft man die Flinte ins Korn, obwohl man von allen Seiten Zuspruch bekäme, wenn man nur den Mund aufmachen würde. Umgekehrt liegt hier auch das Ermutigende. Wenn man sich entgegen allen Bedenken dann doch zu Wort meldet, sagen plötzlich ganz viele: »Das sehe ich genauso.«
Mein zweiter Rat: Lassen Sie sich nicht verdrießen. Vieles lässt sich sehr viel besser ertragen, wenn man ihm mit Humor begegnet. Der Konservative steht staunend vor der Unvernunft der Welt, aber er akzeptiert sie kopfschüttelnd als Tatsache des Lebens. Der Linke versteht die Unvernunft als Beleidigung, weshalb er auch immer schnell beleidigt wirkt. Das fasst nach meiner Beobachtung gut zusammen, was die beiden politischen Lager trennt.
Lassen Sie sich das von einem Linken der ersten Stunde sagen: Die Geschichte war auf Dauer nie auf Seite der Beleidigten.









