Der Denker – Teil 3

Verhängnis und Verhältnisse
In der Programmkommission war das Verhältnis zwischen Herbert Gruhl und mir höflich-distanziert. Mir war bewußt, daß auch er vieles von dem, was ich an der CDU seit langem verabscheute, kritisch sah: die Ignoranz gegenüber den Umweltbedrohungen, die Korruption durch Parteispenden als „Landschaftspflege“ der Großlobbyisten, die Forcierung der Atomenergie, die Aufrüstung mit immer neuen Vernichtungswaffen wie der Neutronenbombe. Andererseits standen da noch viele Vorbehalte aus den siebziger Jahren im Raume – aus der Zeit, als ich mit meinen Genossen der Vereinigten Linken (VL), einer unabhängigen rätesozialistischen Organisation, einen gründlich gescheiterten Mehrfrontenkrieg gegen die etablierten Parteien wie auch gegen DKP & Co. führte.
In den GRÜNEN stießen Welten aufeinander. Aber es gab eine große Offenheit und Bereitschaft zu einem gemeinsamen Aufbruch in der Suche nach Alternativen für alle. Die Abgrenzungshysterie und die auf Vernichtung der Gegner orientierte Streitsucht, die für die heutige politische Szene so typisch ist, war damals eher die Ausnahme bzw. beschränkte sich auf randständige Sekten. Die damalige Linke war bei allen dogmatischen Verirrungen trotz allem sehr viel rationaler und geerdeter als der heutige Sumpf aus schulschwänzenden Hypersensibelchen, gemütskranken Pubertierenden und Klimahysterikern. Obwohl die Anführer von SPD und DKP ihren Mitgliedern jeden Kontakt mit Unsereinem verboten hatten, arbeiteten wir insgeheim mit ihren Mitgliedern genauso wie mit anderen Arbeitern und Angestellten aus den Betrieben zusammen, diskutierten, gaben mit ihren Informationen Flugblätter und Zeitungen heraus. So behielten wir den Kontakt mit den Menschen und der Wirklichkeit – ganz anders als die heutigen selbsternannten Linken in ihrer trüben Blase aus narzißtischer Anbetung der queeren Minderheitchen, aus Selbsthaß und Haß auf Traditionen und auf das eigene Volk, aus Zerstörungssucht und Überlegenheitswahn.
In der schwierigen, aber chancenreichen Situation am Anfang der Achtziger Jahre wären überragende Politiker erforderlich gewesen, die das hoffnungsvolle, aber zunächst kleine und bedrohte Schifflein der GRÜNEN durch die anbrandende See steuerten. Denn vom Block der Altparteien wurde die neue Konkurrenz mit ähnlich schäumender Wut attackiert, wie es die AFD seit 2013 erlebt. Nun hatten die frühen GRÜNEN unter ihren bekannten Köpfen mehrere großartige Menschen: Rudi Dutschke, die visionäre Aktivistin Petra Kelly, den erfahrenen Organisator und Pressemann August Haußleiter, den Gesellschaftsreformer und revolutionären Künstler Josef Beuys (1921-1986) und nicht zuletzt Herbert Gruhl. Rudi Dutschke starb noch vor Gründung der GRÜNEN, August Haußleiter wurde im Sommer 1980 durch eine infame SPIEGEL-Kampagne zum Rücktritt aufgefordert, obwohl der Wissenschaftler Jan Kuhnert (*1951) – später mit Jutta Ditfurth 1991 Mitglied der Kleinpartei „Ökologische Linke“ – nach gründlicher Untersuchung die Vorwürfe widerlegen konnte. Josef Beuys wurde von intriganten Kirchturmpolitikern in NRW an den Rand gedrängt und zog sich aus der politischen Arbeit zurück. Petra Kelly wurde in den späten achtziger Jahren Schritt für Schritt zur einflußlosen Unperson gemacht, um nach ihrem Tode von den fröhlichen Erben als Säulenheilige mißbraucht zu werden.
Auch Herbert Gruhl war konfrontiert mit innerparteilichen Gegnern – etwas, was zur Normalität aller Parteien gehört. Allerdings war er im Grunde kein Politiker, sondern zuallererst ein sensibler Denker und Analytiker. Seine Niederlage in Dortmund ließ spätestens jetzt die Grenzen des Politikers Herbert Gruhl deutlich erkennen. Statt die Gründe zu analysieren, statt den Kampf mit dem Versuch, neue Mehrheiten zu erreichen, fortzusetzen, warf Herbert Gruhl das Handtuch. Wenngleich er als Politiker scheiterte, lebenslänglich verleumdet und von manchen als Fußnote der Zeitgeschichte abgebucht und vergessen wurde: Herbert Gruhls Gedanken bleiben eine zentrale Anregung für jeden, der nach Auswegen aus den weltweiten Krisen sucht – gerade dort, wo er provoziert und Widerspruch herausfordert, so etwa mit dem von linken Sozialfürsorgern als herzlos und unsolidarisch skandalisierten Zitat:
„Das ›soziale Netz‹ fängt auch noch den auf, der seine Lage selbst verschuldet hat. Darin liegt die große Verführung; alle wiegen sich in einer Sicherheit, die ganz und gar unnatürlich ist (…) Die Natur erzwingt die disziplinierte Einhaltung ihrer Gesetze.“[1]
Wer immer nur gemütlich mitlaufen will, wird Herbert Gruhl ohnehin ignorieren oder ihn attackieren. Wer aber selbsttätig denken und handeln will, der wird an ihm einen Leitstern in dunklen Zeiten finden.
[1] „Jungle World“, 21. 5. 2003.









