Du bist nicht allein

Die verratene Mitte – eine Einleitung 

Knapp 40 Millionen Deutsche sind Mitglied einer christlichen  Kirche – 21 Millionen bei den Katholiken, 19 Millionen bei den  Protestanten –, und das entgegen der weitverbreiteten Annahme,  wir würden in einem durchsäkularisierten Land leben, in dem nur  noch ein paar Käuze an so etwas wie Gott glauben. 
Jeder zweite Deutsche ist Mitglied in einem Verein, obwohl  das Vereinswesen als Inbegriff der Spießigkeit gilt. 70 Prozent der  Kinder kommen nach wie vor in Ehen zur Welt, allen Vorträgen  über die Vorzüge von Patchwork zum Trotz. 
Wer eine der führenden Zeitungen des Landes aufschlägt, muss  zu dem Schluss gelangen, dass die Mehrheit der Menschen mit  dem Gedanken an den drohenden Klimatod aufwacht und mit der  Frage zu Bett geht, wie sie sich so ausdrücken können, dass sich  niemand zurückgesetzt oder beleidigt fühlt. 
Der Häufigkeit nach zu urteilen, mit der über ihn berichtet  wird, lebt der Durchschnittsbürger in durchgrünter Innenstadtlage auf gewachster Altbaudiele, wo man schon deshalb über den  Autowahn der Deutschen den Kopf schüttelt, weil der Stellplatz  vor der Tür seit langem der radgerechten Stadt zum Opfer gefallen ist. 
Auch das entspricht nicht der Realität in Deutschland. Die Wahrheit ist: In Großstädten, also Städten mit mehr als 500000 Einwohnern, leben lediglich 23 Prozent der Bundesbürger (was möglicherweise erklärt, warum der Bundeskanzler Friedrich Merz und  nicht Robert Habeck heißt).
Weshalb ich das schreibe? Weil die Fehlwahrnehmung, was normal ist und was nicht, Folgen hat. Wer nach einer Erklärung sucht,  weshalb die Wahl der Juraprofessorin Frauke Brosius-Gersdorf  ins Bundesverfassungsgericht so schrecklich schief gehen konnte,  findet sie in der Verwechslung von Mehrheit und Minderheit. 
Der grüne Parteivorsitzende Felix Banaszak ließ sich nach der  Verschiebung der Richterwahl zu folgendem Statement hinreißen: »CDU und CSU haben sich heute aus der demokratischen  Mitte unseres Landes verabschiedet. Man kann nur hoffen, dass  sie den Weg zurückfinden.« Seine Parteifreundin Renate Künast  setzte noch einen drauf, indem sie schrieb: »CDU auf Kurs Abschaffung der Demokratie und des Rechtsstaats.« 
Das ist der Stand der Debatte: Wer es nicht übers Herz bringt,  eine Frau zu wählen, die die bisherige Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zur Abtreibung für obsolet erklärt und den  Abbruch in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft zur reinen Privatsache machen will, hat den demokratischen Rahmen  verlassen. 
Wer ist die Mitte? Die Mitte fährt Auto und das ganz konventionell. Sie hört Helene Fischer und schunkelt auch bei »Layla«  ohne schlechtes Gewissen mit. Wenn sie morgens aufsteht, fragt  sie nicht als erstes nach der Work-Life-Balance, sondern sorgt  dafür, dass Deutschland einigermaßen funktioniert. 
Die Mitte benutzt Worte, für die man beim »Spiegel« sofort  vor die Tür gesetzt wird, und lacht an Stellen, an denen es sich  nicht gehört. Sie isst zum Frühstück Nutella, mag Volksmusik  und ist bei der freiwilligen Feuerwehr. Kurz: Sie ist so, wie man  links der Mitte als Eltern seinen Kindern immer gesagt hat, dass  sie nie werden sollen. 
Die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner berichtete neulich,  wie sich die Reaktionen auf ihren Flaggenerlass unterschieden hätten. In Berlin herrschte Fassungslosigkeit, dass Klöckner die Regen bogenflagge nur noch einmal im Jahr auf dem Reichstag erlauben  will. Im Bundestag gab es dem Vernehmen nach Tränen. Aber so bald Klöckner zu Besuch in ihrer Heimat in Bad Kreuznach ist,  spielt das Thema keine Rolle. Oder die Leute bestärken sie in ihrer  Auffassung, dass die Queer-Bewegung eine politische Bewegung  wie andere sei, also nicht schlechter, aber auch nicht besser. Mir schreiben oft Leute: »Wie gut, dass es Sie gibt.« Das freut  mich natürlich. Mich erreicht ja nicht nur Lob. Ich erwähne das  allerdings nicht, weil ich vorsorglich etwaigen Vorbehalten begegnen will (obwohl auch das nicht schaden kann). Ich erwähne es,  weil ich glaube, dass die Zuschriften auf etwas Grundsätzlicheres  hindeuten. Viele Menschen haben offenbar das Gefühl, dass das,  was sie so denken und wie sie die Dinge sehen, in den Medien  deutlich unterrepräsentiert ist. 
Ich kann ihnen da nicht widersprechen. Mein Eindruck ist  auch, dass die Welt, wie sie in den Medien abgebildet wird, und  die Welt, die eine Mehrheit nach wie vor als ihr Zuhause begreift,  immer weiter auseinanderfallen. Als Soziologe würde man von  einer Repräsentationslücke sprechen. 
Im Land da draußen leben jede Menge Menschen, die weder  Winnetou für eine rassistische Figur halten, noch Layla für einen  Song, den man unter Aufführungsverbot stellen muss. Wäre es anders, müssten sich die Grünen keine Sorgen machen, ob sie jemals  ins Kanzleramt einziehen. Aber in dieses normale Deutschland  setzen die meisten Journalisten selten einen Fuß. Es kommt auf  den Stehempfängen und Dinnerpartys, auf denen die meinungsbildenden Leute zusammenstehen, praktisch nicht vor. 
Das normale Deutschland sind Orte wie Tuttlingen, Oggers heim oder Wetzlar, jene als Provinz verspottete Welt, in der man  zum Muttertag noch Blumen schenkt, Gendern für eine exotische Form der Fitness hält und nichts Verwerfliches an Gardinen  und Häkeldeckchen findet. In dieser Welt sagt übrigens auch niemand: »Patchwork, ja, das ist mein Traum vom Glück. Das habe  ich mir für meine Beziehung immer gewünscht.« 
Friedrich Merz hat das Thema vor seiner Wahl zum Bundeskanzler aufgenommen und gesagt, Kreuzberg sei nicht Deutschland. Riesenaufregung im besorgten Teil der Republik. Im »Spiegel« stand eine lange Philippika, warum sich Merz damit endgültig  unmöglich gemacht habe. Merz betreibe das Geschäft der Ausgrenzung, so ein Mann dürfe nie Kanzler werden. Kreuzberg ist nicht Deutschland? Na gottlob, würde ich sagen.  Die Aussichten sind ohnehin düster. Alle in Europa legen beim  Wachstum zu, nur wir werden ärmer. Wenn Deutschland wie  Kreuzberg wäre, könnten wir komplett einpacken. Was passiert, wenn die Mehrheit das Gefühl hat am Rande zu  stehen? Das ist das Thema, dem sich dieses Buch widmet. Der Mehrheitswille war noch nie so gut erforscht wie heute.  Jede Woche fühlen Meinungsforschungsinstitute dem Wähler den  Puls, fragen nach seinen Vorlieben, Abneigungen, Sorgen und Befürchtungen. Kein Politiker, der sich nicht auf den Bürger beruft.  Sogar die Grünen führen bei der Durchsetzung ihrer Projekte  gerne den Mehrheitswillen an. Und doch fühlt sich die Mehrheit  ungehört. Mehr noch: Sie fühlt sich im Stich gelassen. Auch das lässt sich ja den Umfragen entnehmen. Eine wach sende Gruppe von Menschen hat den Eindruck, dass sie mit ihrer  Meinung mehr oder weniger alleine stehen. Sie denken, dass es  zunehmend gefährlich ist, offen zu äußern, was man denkt. Wenn  man sie fragt, ob man sich in der Öffentlichkeit besser vorsehen  sollte, was man sagt und was nicht, stimmen sie dieser Aussage zu.  73 Prozent der Deutschen denken so. Dabei bilden sie in Wahrheit die Mehrheit. 
Die Sozialwissenschaft hat einen Namen für dieses Phänomen.  Sie nennt es das »Mehrheitsparadox«. Der Einzelne glaubt, er sei  mit seiner Meinung allein, obwohl in Wirklichkeit die meisten  so denken wie er. 
Es ist ein sich selbst verstärkender Effekt. Da man glaubt, mit der  eigenen Ansicht in der Minderheit zu sein, behält man sie lieber  für sich, aus Angst, sich lächerlich zu machen. Weil die anderen  aus demselben Grund schweigen, entsteht der öffentliche Ein druck, die Mehrheit stünde hinter einer Meinung, die in Wahrheit nur wenige teilen. Das wiederum führt dazu, dass am Ende  kaum noch jemand den Mund aufmacht – was wiederum die vermeintliche Mehrheit noch stärker erscheinen lässt. Es kommt zur  »pluralistischen Ignoranz«. 
In einer Demokratie gibt es Mechanismen, die der pluralistischen Ignoranz entgegenwirken. Der bekannteste Mechanismus  sind Wahlen. Aber dieses Korrektiv ist außer Kraft gesetzt. Die  Wähler geben ihr Votum ab, doch es interessiert nicht. Der Mehrheit wird gesagt, dass sie gar nicht die Mehrheit sei, weil ein Viertel  der Stimmen bei der Willensbildung nicht zähle. 
Das ist das Mehrheitsparadox auf die Spitze getrieben. Man  könnte auch sagen: Wir werden Zeuge eines unerhörten Experiments. Zum ersten Mal in der Geschichte der parlamentarischen Demokratie macht sich eine Minderheit daran, der Mehrheit nicht nur vorzuschreiben, wo es lang geht. Die Mehrheit  wird auch noch dafür verspottet, dass sie nicht so weit ist wie die  Minderheit, die den Ton angibt. 
Wie das oft ist bei Experimenten: Es ist nicht auszuschließen,  dass es schief geht. Das unterscheidet ja das Experiment von der  erprobten Lage. Wenn man Pech hat, fliegt alles in die Luft. 

Schauen wir uns die Versuchsanordnung also einmal genauer  an. Es könnte lehrreich sein. Vorhang auf! 


( Mit freundlicher Genehmigung von Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH )

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