Messerscharfe Wirklichkeit 

Symbolbild

Vor wenigen Tagen habe ich in Löffingen im Schwarzwald einen Zugbegleiter getroffen, der mich kannte. Wir kamen ins Gespräch. Irgendwann zeigte er mir seinen Arm – und die Folgen eines Messerangriffs, der sein Leben für fast zwei Jahre aus der Bahn geworfen hat.

Erst im Laufe unseres Gesprächs wurde mir die besondere Bedeutung dieses Ortes bewusst: Genau hier, in Löffingen, war er im Mai 2024 angegriffen worden.

Damals kontrollierte er einen 26-jährigen irakischen Fahrgast, der keinen Fahrschein und keinen Ausweis vorzeigen konnte. Was als alltägliche Fahrscheinkontrolle begann, eskalierte. Der Mann schlug auf ihn ein und griff ihn beim Aussteigen mit einem Klappmesser an. Eine Sehne wurde durchtrennt und musste operiert werden. Passanten schritten ein und stoppten den Angriff. Der Täter wurde kurz darauf festgenommen und kam in Untersuchungshaft.

Der Zugbegleiter erzählte mir, dass er danach fast zwei Jahre dienstunfähig war. Erst seit wenigen Tagen ist er wieder im Zug unterwegs.

Er steht kurz vor der Rente. Eigentlich hätte er nach einem solchen Erlebnis allen Grund gehabt, nicht mehr zurückzukehren. Aber genau so wollte er sein Berufsleben nicht beenden. Er wollte nicht, dass dieser Angriff sein letzter Arbeitstag gewesen sein sollte. Deshalb ist er noch einmal zurückgekommen und will dieses Jahr weiterarbeiten.

Das hat mir großen Respekt eingeflößt.

Aber er erzählte auch von seinem Unverständnis darüber, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Im späteren Prozess wurde die Vorgeschichte des Angreifers thematisiert. Er berichtete mir von früheren Angriffen auf unbeteiligte Menschen, darunter eine Kassiererin. Und selbst nach der Festnahme sei die Gewalt nicht vorbei gewesen: Auch in der Untersuchungshaft habe der Mann Bedienstete angegriffen.

Am Ende wurde der Täter wegen fehlender Schuldfähigkeit freigesprochen und seine Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung angeordnet.

Juristisch ist erklärbar, warum ein schuldunfähiger Mensch nicht wie ein schuldfähiger Täter bestraft werden kann. Für das Opfer ist ein solcher Freispruch trotzdem außerordentlich schwer zu akzeptieren.

Der Zugbegleiter trägt die Folgen bis heute sichtbar an seinem Körper. Fast zwei Jahre konnte er seinen Beruf nicht ausüben. Und verständlicherweise beschäftigt ihn vor allem eine Frage: Warum musste es überhaupt erst so weit kommen?

Wenn ein Mensch wiederholt durch Aggression und Gewalt auffällt und sich gleichzeitig eine schwere psychische Erkrankung entwickelt, muss ein funktionierender Staat früher handeln: Psychiatrisch, polizeilich und strafrechtlich. Bei einem ausländischen Gewalttäter muss zusätzlich frühzeitig geprüft werden, welche aufenthaltsrechtlichen Konsequenzen möglich sind.

Es ist schwer vermittelbar, wenn ein Mensch trotz einer solchen Entwicklung über längere Zeit im Land bleibt und der Staat erst nach einem schweren Messerangriff zu dem Ergebnis kommt, dass seine psychische Erkrankung so gravierend ist, dass er nicht einmal strafrechtlich für seine Tat verantwortlich gemacht werden kann.

Gerade deshalb muss die Frage erlaubt sein, warum nicht früher wirksam eingegriffen wurde – durch psychiatrische Behandlung, Gefahrenabwehr und strafrechtliche Maßnahmen. Und bei einem ausländischen Gewalttäter gehört dazu selbstverständlich auch die Frage, ob und zu welchem Zeitpunkt aufenthaltsrechtliche Konsequenzen bis hin zu einer Abschiebung möglich gewesen wären.

Und dann ist da noch eine zweite Erfahrung aus diesen Tagen im Schwarzwald.

Ich habe dort viele vertrocknete und abgestorbene Bäume fotografiert und darüber auf Facebook geschrieben. Unter diesen Beiträgen wurde der menschengemachte Klimawandel vor allem von Kommentatoren, die sich klar der AfD zuordnen lassen, bestritten oder relativiert.

Auf den ersten Blick haben abgestorbene Bäume im Schwarzwald und die Geschichte eines schwer verletzten Zugbegleiters nichts miteinander zu tun.

Und doch sehe ich eine Gemeinsamkeit:

Wir haben uns angewöhnt, Probleme danach anzuerkennen, ob sie in unser politisches Weltbild passen.

Auf der einen Seite höre ich: „Klimawandel hat es schon immer gegeben.“

Auf der anderen: „Migration hat es schon immer gegeben.“

Beides stimmt. Aber dass es etwas schon immer gegeben hat, sagt nichts darüber aus, ob Ausmaß und Folgen heute ein politisches Problem darstellen.

Dann heißt es: „Das Klima können wir ohnehin nicht schützen.“

Und auf der anderen Seite: „Unsere Grenzen können wir ohnehin nicht schützen.“

Auch das ist für mich kein Argument. Politik ist nicht erst dann sinnvoll, wenn sie ein Problem zu hundert Prozent lösen kann.

Wir brauchen wirksamen Klimaschutz. Und wir brauchen eine Migrationspolitik, die Humanität mit Kontrolle und Konsequenz verbindet.

Die Wirklichkeit richtet sich nicht nach unserem politischen Weltbild. Und die Tatsache, dass ein Problem unbequem ist, ist kein Rechtfertigung, es nicht anzuerkennen.

Die Ausreden ziehen einfach nicht. Der Klimawandel ist menschengemacht und die Messerangriffe sind kein Einzelfall. 

Mit Al Gore gesprochen: An inconvenient truth.

Angesagt


Entdecke mehr von Unser Konstanz

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen