u-kn Intro von Claus-Dieter Hirt:
Der Abdruck dieses Artikels erfolgt mit freundlicher Genehmigung des SÜDKURIER www.suedkurier.de in welchem der Artikel an 1.8.2026 bereits veröffentlicht wurde.
Wie von Jürgen Klöckler gewohnt ist der Artikel gut recherchiert und sachlich informativ verfasst. Wir möchten für das Thema sensibilisieren, in Sorge um die aktuelle weltweite Klimasituation, die kein vernünftiger Mensch leugnen kann. Wir wollen aber auch aufzuzeichnen, dass Wetterphänomene und Klimawandel kein neues Phänomen sind. Jeder weiß, dass unser Planet kältere und wärmere Phasen erlebt und sich das Klima schon immer verändert hat. Die Besiedelung von Teilen Grönlands („Grünland“) durch die Wikinger ab etwa 1000 n.Chr. sei als Beispiel genannt, was wiederum aber nicht bedeutet, dass der heutige Klimawandel natürlich sein muss. Unstrittig ist der heutige starke Temperaturanstieg vor allem durch Menschen verursacht.

Als die Kirschen zweimal reiften und ein Jahrtausendwein entstand
Der Sommer des Jahres 1540 blieb in der Erinnerung der Zeitgenossen in jeder Hinsicht denkwürdig. Mitteleuropa wurde für rund elf Monate in den Subtropengürtel einbezogen. Eine bislang nicht gekannte Dürre breitete sich aus, die Temperaturen sprangen mutmaßlich über die 40 Grad-Marke. Woher wissen wir das? In fast allen größeren Städten des Bodenseeraums und darüber hinaus hielten zeitgenössische Chronisten dieses einschneidende Ereignis fest. Sie gaben ihm den Namen „der Heiße Sommer“. In Überlingen sprach man sogar vom „überheißen Sommer“.
Das warme Wetter begann 1540 schon im Februar; März, April und Mai waren vorwiegend sonnig und extrem trocken; Juni, Juli und August waren sehr heiß und sehr trocken; September, Oktober und November waren immer noch sehr warm und trocken.
Welche Folgen hatten Hitze und Dürre für den Bodensee? Der Pegel fiel auf einen extrem niedrigen Stand. Bäche und einige Seezuflüsse führten kein Wasser mehr. Teiche, Weiher und Brunnen trockneten ebenfalls aus. Mit Wasser müsste überall sehr sparsam umgegangen werden. Man konnte das auf einer Insel gelegene Lindau trockenen Fußes umrunden, der Hafen konnte selbstredend nicht mehr angefahren werden. Ähnliches gilt für den Rhein, der an manchen Stellen problemlos durchwattet werden konnte. Die Bodenseeschifffahrt wurde durch stürmische Winde beeinträchtigt. In den Lindauer Annalen ist zu lesen: In diesem Jahr waren gar groß Wind in dem Bodensee, dass viel Schiff zu Grund giengen. Überdies löste das stark erwärmte Wasser ein in vielen Chroniken dokumentiertes, gewaltiges Fischsterben aus.
Wie reagierte die Vegetation auf die ungewöhnliche Hitze und Dürre? Das Erdreich trocknete großflächig und tiefgründig aus. Pflanzen verdorrten: Bäume, Gemüse, Gras und vieles mehr. Der Konstanzer Reformator Ambrosius Blarer beklagte in einem Brief vom 5. November 1540 die wegen der Dürre sehr stark gestiegenen Preise für Rüben.
Eine Pflanze jedoch profitierte: der Rebstock. Wein wurde damals in außerordentlicher Güte und Qualität produziert. Der Jahrgang 1540 wurde wegen des Zuckergehalts als Jahrtausendwein gefeiert. Ein Chronist lobte die sehr gute Qualität des Weines und warnte mit Blick auf den hohen Alkoholgehalt zugleich davor, dass man dessen vor Stärke nicht viel trinken mocht. Für diesen kostbaren Wein wurden später Prunkfässer gebaut. Eines davon, das 1683 erschaffene „Schwedenfass“, steht bis heute im Staatlichen Hofkeller in Würzburg; es wurde mit dem damals bereits 150 Jahre alten Riesling des Jahres 1540 befüllt. Vereinzelt wurde Wein dieses Jahrgangs noch bis ins 20. Jahrhundert bei Degustationen verkostet, zuletzt am 7. Juli 1961 in London. Gegenüber der jüngeren Konkurrenz aus dem 19. Jahrhundert schnitt er sogar am besten ab: der vierhundertjährige Wein „floss ins Glas und hatte sogar noch ein Bukett, das an Madeira erinnerte. Körper und Alkohol waren allerdings dahin“.
Die Hitze des Sommers 1540 hatte gravierende Folgen: Waldbrände rund um den Bodensee waren zu verzeichnen, insbesondere in Vorarlberg. Aber auch bei Überlingen verbrunnendt ettlich Wäldt. Ursache war oftmals Selbstentzündung als Folge der großen Hitze. Die Dürre beförderte zudem Brandstiftungen in den Städten und Dörfern, denen zahlreiche Menschen zum Opfer fielen. Solche „Mordbrenner“ wüteten im gesamten Bodenseeraum.
Hitze und Dürre veränderten auch Blüte und Reife der Pflanzen. Bereits im Mai war die Weinblüte beendet, die Kirschen wurden ein zweites Mal reif. Auch die Apfel- und Birnbäume blüten rund um den Bodensee ein zweites Mal. Das Obst selbst entwickelte sich noch so weit, dass mans essen khöndte.
Und wie reagierte die Menschen? Zweifellos machte sich eine Endzeitstimmung breit. Manche führten den Hitzesommer auf einen am Himmel sichtbaren Kometen zurück. Der Re-formator Martin Luther sah in dem heißen Sommer von 1540 eine Strafe Gottes. Ein Basler Chronist konnte dem nicht zustimmen, er deutete den Hitze-sommer zumindest aber als eine ernste Mahnung zu Umkehr und Gebet. Der Wein dieses außergewöhnlichen Som-mers wurde gemeinhin als „Valetetrunk“, also als Abschiedswein, bezeichnet. Das Ende der Zeiten und der Welt schien für die Menschen des 16. Jahrhunderts in greifbare Nähe gerückt zu sein.
Weiterführende Literatur: Karl Heinz Burmeister: „Der heiße Sommer“ 1540 in der Bodenseeregion, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung 126 (2008) S. 59-87.









