
u-kn Intro:
Passend zur Internationalen Ausstellung für Metallbearbeitung in Klammer (AMB) in Stuttgart vom 15. -19.9.2026 und der IMTS
International Manufacturing Technology Show (IMTS) in Chicago vom 14.-19.09.2026 erschien der nachstehende spannende Beitrag von Roman Dvorak. Die Übersetzung aus dem Tschechischen fertigte Dr. Jaromira Kirstein.
Eine der profiliertesten Stimmen der tschechischen Industrie hat es kürzlich treffend auf den Punkt gebracht: „Es ist, als hätte man eine Eisenkugel am Bein, die Schnürsenkel zusammengebunden und Beton in die Hose gegossen. Wie sollen wir so einen 100-Meter-Lauf bestreiten? Das ist unmöglich. Wir sind zum Scheitern verurteilt.“ Behalten wir diese Aussage im Gedächtnis schreibt Roman Dvorak, Inhaber der tschechischen Zeitschrift „MaschinenMarkt“. Sie ist die treffendste Diagnose für den Zustand der europäischen Industrie, die ich seit Langem gehört habe.
Im September öffnen sich – in derselben Woche und nur einen Tag auseinander – die Tore zu zwei der weltweit bedeutendsten Messen für Fertigungstechnik: der AMB in Stuttgart und der IMTS in Chicago. Zwei Messen, zwei Welten, zwei Geschwindigkeiten. Für alle, die die Dinge ungeschönt betrachten wollen, werden diese Veranstaltungen wie ein gnadenloser Spiegel wirken. Sie werden offenlegen, worüber europäische Industrielle sonst nur hinter verschlossenen Türen sprechen – was aber nur wenige laut auszusprechen wagen.
Auf der amerikanischen Seite des Atlantiks sprechen die Zahlen eine eindeutige Sprache. Die Auftragseingänge für Fertigungstechnik sind in den ersten vier Monaten dieses Jahres um fast 29 Prozent gestiegen. Der Einkaufsmanagerindex bewegt sich im Bereich von 53 Punkten. Die Produktivität in der Fertigung steigt, ohne dass auch nur eine einzige Überstunde geleistet wird – denn die Amerikaner setzen auf Technologie statt auf Überstunden: KI, autonome Robotik und Cloud-Plattformen, die direkt mit der Fertigungsebene vernetzt sind. Der Staat legt ihnen dabei keine Steine in den Weg; ganz im Gegenteil. Investitionen können wieder zu 100 Prozent steuerlich abgesetzt werden, die Grenzen für Kleinunternehmen wurden angehoben und die Rückverlagerung der Produktion (Reshoring) zur nationalen Priorität erklärt. Kurz gesagt: Amerika läuft nicht mit zusammengebundenen Schnürsenkeln.
Und was ist mit Europa? In China liegen die Gesamtkosten für Energie bei 80 Euro pro Megawatt, in den USA bei 45 Dollar. In Europa sind es rund 155 Euro. China hat 150 Autohersteller, die in hartem Wettbewerb zueinander stehen, in atemberaubendem Tempo Innovationen vorantreiben und Fahrzeuge verkaufen, die den unseren um eine Generation voraus sind. Wir hingegen sind damit beschäftigt, 110 Vorschriften zu entwerfen, die man nicht einmal mehr lesen kann, und schlagen uns mit ESG-Berichtspflichten, CO2-Zöllen und der Cybersicherheit von Glühbirnen herum. Ja, Glühbirnen! Die Überarbeitung der Vorschriften für eine einzige Glühbirne kostet zwischen 15 und 70 Kronen. Und doch finden sich Zehntausende solcher Regelungen in der Gesetzgebung. Jemand wurde dafür bezahlt. Wahrscheinlich fürstlich.
Ein weiteres Detail möchte ich noch erwähnen – eines, das lächerlich wäre, wenn die Lage nicht so düster wäre. Nachts darf der Lärmpegel eines tschechischen Unternehmens 40 Dezibel nicht überschreiten. In Deutschland liegt der Grenzwert bei 42 Dezibel. Zwei Dezibel. Das ist der Unterschied zwischen einem Flüstern und einem noch leiseren Flüstern. Und doch sind es genau solche Vorschriften, mit denen sich unsere Hersteller täglich herumschlagen müssen. „Beton in der Hose“ kann viele Formen annehmen.
Gleichzeitig dürfen wir nicht übersehen, dass selbst unser wichtigstes industrielles Vorbild keine reine Weste hat. Wenn wir das Geschäft mit Elektrofahrzeugen den Chinesen auf dem Silbertablett servieren und den „Green Deal“ auf den Weg bringen – der zunehmend wie ein „Black Deal“ anmutet –, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die deutsche Industriebasis schrumpft. Und genau jene Leute, die den „Green Deal“ am lautstärksten propagiert haben und nun am lautesten nach dessen Überarbeitung rufen, stehen immer noch genau da, wo sie vorher waren: mit zusammengebundenen Schnürsenkeln – an den Füßen eines anderen.
Die tschechische Industrie steht vor einer Wahl, die sich nicht unendlich lange aufschieben lässt. Entweder wir werden zu einem aktiven Akteur mit einer klaren Industriestrategie, Energiesouveränität und einer technisch versierten Generation, die Maschinen, Roboter und KI versteht – oder wir bleiben ein Zulieferer ohne eigene Marke, abhängig von Entscheidungen, die anderswo getroffen werden:
in Stuttgart, Chicago oder Peking. Aber eben nicht in Prag oder Brünn.
Die Messen IMTS und AMB bieten alle zwei Jahre Gelegenheit zur Selbstreflexion – eine Chance zu erkennen, wo die Welt steht und wo wir stehen. In diesem Jahr ist diese Gelegenheit von besonderer Dringlichkeit. Denn die industrielle Kluft zwischen den beiden Seiten des Atlantiks vergrößert sich nicht nur langsam; sie verändert sich in einem Tempo, das Europa zwar bestens kennt – dessen Ausmaß es jedoch nicht wahrhaben will.
Bewahren wir uns Gesundheit an Leib und Seele und halten wir – allen Widrigkeiten zum Trotz – an der Hoffnung fest, dass wir uns endlich die Schnürsenkel lösen, den Beton von den Hosenbeinen schütteln und loslaufen werden: solange es noch möglich ist, den Rückstand aufzuholen.









