
Wer am Dienstagnachmittag um 15 Uhr Zeit hatte, durfte sich auf dem Münsterplatz erklären lassen, warum das Konstanzer Fahrradparkhaus eigentlich eine großartige Idee ist. Wer um diese Uhrzeit seiner Arbeit nachgeht, Kinder betreut oder schlicht nicht spontan unter der Woche frei machen kann, hatte dagegen Pech. Einen Bürgerdialog auf 15 Uhr zu legen und anschließend festzustellen, dass die Mehrheit der Anwesenden das Projekt befürwortet, ist ungefähr so überraschend wie Regen im November. Wenn man wirklich die Meinung der Bürgerschaft hören wollte, hätte man den Termin auf einen Abend oder ein Wochenende gelegt. Offenbar wollte man aber lieber einen gut gefüllten Platz als einen wirklich repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung.
Besonders interessant waren die Ausführungen des verantwortlichen Stadtplaners Hannes Munk. Gleich zu Beginn beschäftigte er sich mit einer KI-generierten Visualisierung der Gegner. Das Bild zeige eine dunkle, schwarze Kiste und entspreche überhaupt nicht der Realität. Seine Botschaft: „Da kann keine hässliche schwarze Kiste hin.“
Das ist ungefähr so, als würde man bei einem Hausbrand darüber diskutieren, ob die Gardinen farblich zum Sofa passen.
Denn die meisten Kritiker interessieren sich herzlich wenig für den Farbton der Fassade. Die Diskussion dreht sich um acht Millionen Euro Baukosten, jährlich rund 370.000 Euro Betriebskosten, den Abriss bestehender Gebäude und die Frage, ob sich eine hochverschuldete Stadt ausgerechnet jetzt ein Prestigeprojekt dieser Größenordnung leisten sollte. Statt über diese Punkte ernsthaft zu sprechen, diskutiert man lieber über die Farbe des Gebäudes. Das ist zwar einfacher, beantwortet aber keine einzige der entscheidenden Fragen.
Herr Munk verweist außerdem stolz darauf, dass bereits seit 2009 an dem Projekt gearbeitet werde. Das soll offenbar beeindrucken. Tatsächlich stellt sich eher die Frage, ob eine Planung automatisch besser wird, nur weil sie 17 Jahre alt ist. Nach dieser Logik müsste jeder Flughafen und jede Großbaustelle in Deutschland ein Meisterwerk sein. Dass viel Zeit in ein Projekt investiert wurde, ist kein Argument dafür, es am Ende auch tatsächlich zu bauen. Es könnte genauso gut ein Argument sein, zwischendurch noch einmal zu prüfen, ob die ursprünglichen Annahmen überhaupt noch gelten.
Fast schon reflexartig folgt anschließend der Hinweis auf die mehr als 10.000 Ein- und Auspendler pro Tag sowie auf die Universität Konstanz, die die Bedeutung des Fahrradparkhauses unterstrichen habe. Das klingt eindrucksvoll – bis man einen Moment darüber nachdenkt.
Die Universität liegt schließlich nicht am Bahnhof, sondern mehrere Kilometer entfernt auf dem Gießberg. Wer mit dem Fahrrad zur Universität fährt, fährt in aller Regel direkt dorthin. Wer mit dem Zug kommt, steigt häufig in den Bus um. Natürlich freut sich die Universität über bessere Fahrradinfrastruktur – das würde vermutlich jede Hochschule tun. Daraus aber abzuleiten, dass deshalb ein Fahrradparkhaus mit 700 Stellplätzen am Bahnhof alternativlos sei, ist ungefähr so schlüssig, als würde das Klinikum ein neues Parkhaus am Bodensee fordern und dies als Beweis für dessen Notwendigkeit verkaufen.
Interessanter wäre gewesen zu erfahren, wie viele Pendler tatsächlich täglich mit dem Zug anreisen, anschließend auf das Fahrrad umsteigen und genau dieses Parkhaus nutzen würden. Genau diese Zahlen blieb Herr Munk schuldig. Stattdessen genügte der Verweis auf die Universität als eine Art Gütesiegel. Das ersetzt jedoch keine belastbare Bedarfsanalyse.
Noch selbstbewusster wurde es bei der Aussage, 700 Stellplätze seien „absolut angemessen“. Absolut? Wenn etwas so eindeutig wäre, gäbe es wohl kaum seit Monaten eine hitzige Debatte, über 2.000 Unterschriften gegen das Projekt, Forderungen nach einem Bürgerentscheid und erhebliche Zweifel an Kosten und Dimensionen. Das Wort „absolut“ wirkt hier weniger wie das Ergebnis einer offenen Diskussion als vielmehr wie der Versuch, jede Diskussion für beendet zu erklären.
Überhaupt zog sich durch den gesamten Nachmittag ein bemerkenswertes Muster. Auf nahezu jede kritische Frage gab es dieselbe Antwort: Wir haben das schon bedacht. Sicherheit? Kein Problem. Kosten? Politische Entscheidung. Bedarf? Universität sagt Ja. Architektur? Modern und freundlich. Größe? Genau richtig. Alles scheint bereits festzustehen. Der eigentliche Bürgerdialog bestand offenbar darin, der Bevölkerung zu erklären, warum sämtliche Einwände bereits erledigt seien.
Wer nach günstigeren Alternativen fragte, nach einem kleineren Gebäude oder nach einer schrittweisen Umsetzung, erhielt dagegen erstaunlich wenig Konkretes. Dabei müsste gerade eine Stadt, die gleichzeitig über Stellenabbau, Haushaltslöcher und Sparmaßnahmen diskutiert, jede Million zweimal umdrehen. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass bei diesem Projekt plötzlich Geld keine so große Rolle mehr spielt.
Das erinnert unweigerlich an das C-Konzept. Auch damals wurde versprochen, nun werde alles besser. Der Verkehr werde neu geordnet, Staus würden reduziert, der Bahnhof entlastet und die Aufenthaltsqualität verbessert. Die Realität sieht für viele Konstanzer bis heute deutlich nüchterner aus. An vielen Tagen staut sich der Verkehr weiterhin, Probleme wurden oft lediglich verlagert und von der großen Verkehrswende spüren viele Bürger im Alltag herzlich wenig. Gerade deshalb fällt es vielen schwer, den nächsten großen Versprechungen blind zu vertrauen.
Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Problem. Es geht längst nicht mehr nur um ein Fahrradparkhaus. Es geht um das Vertrauen der Bürger in die Entscheidungen ihrer Stadt. Wer jahrelang erlebt hat, dass große Projekte mit vollmundigen Versprechen angekündigt werden und die Realität anschließend deutlich bescheidener ausfällt, wird automatisch kritischer.
Und genau deshalb wirkte dieses Stadtgespräch weniger wie ein offener Meinungsaustausch als vielmehr wie eine Werbeveranstaltung für ein Projekt, dessen Richtung offenbar längst feststeht. Am Ende durfte das Publikum Fragen stellen – allerdings überwiegend solche, auf die die Verwaltung ihre Antworten schon seit Jahren vorbereitet hatte.
Vielleicht wäre die wichtigste Investition gar kein Fahrradparkhaus. Vielleicht wäre es das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen. Das gelingt allerdings nicht mit Veranstaltungen am Dienstagnachmittag um 15 Uhr und dem ständigen Hinweis, man habe ohnehin schon an alles gedacht. Wer von seinem Projekt wirklich überzeugt ist, sollte den Mut haben, sich einer Diskussion zu stellen, wenn möglichst viele Bürger teilnehmen können – und nicht nur diejenigen, die zufällig Zeit haben. Denn Demokratie ist mehr als eine gut organisierte Informationsveranstaltung. Sie lebt vom echten Streit um die besseren Argumente – und nicht von der Hoffnung, dass am Ende schon die richtigen Leute im Publikum sitzen.









