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Wie Deutschland tickt
Ein Meinungsforscher packt aus

Der legendäre Wiederbegründer der SPD, Kurt Schumacher (1895–1952), meinte einmal, Politik beginne mit dem Betrachten der Wirklichkeit. Das meine ich auch. Deshalb halte ich Meinungsforschung für unverzichtbar. Damit sie aber echten Erkenntnisgewinn bringt und nicht verführt, muss sie mit einem bestimmten Ethos betrieben werden. Sie muss sich zurücknehmen. Sie darf nicht selbst Politik sein, darf nicht versuchen, Stimmungen zu schüren, Meinung zu machen. Wer Meinungsforschung betreibt, agiert außerhalb der politischen Arena. 
Doch wofür sind empirisch erhobene Forschungsergebnisse überhaupt unverzichtbar? Zum Beispiel für die Wirtschaft, für die Gesundheit, für die Bewältigung des demografischen Wandels und natürlich auch für die Politik. Empirische Daten ersetzen nicht die Arbeit in den Bereichen, in denen sie eingesetzt werden, aber sie können sehr hilfreich, teilweise sogar – man erlaube mir das Wort – alternativlos sein. Die Wirklichkeit zu spiegeln, wie sie ist, darin besteht die anspruchsvolle Aufgabe seriöser Meinungsforschung. Aber das begrenzt sie auch.
Dieses Bekenntnis zu Beginn ist mir wichtig, weil ich selbst in den Jahren, in denen ich im politiknahen Bereich für die Bundesregierung und die Thüringer Landesregierung gearbeitet habe, spürte, wie wichtig es ist, die Stimmung in der Bevölkerung zu kennen. Aber es ist mir auch sehr bewusst geworden, wie gefährlich es wäre, dieser Stimmung einfach nur zu folgen. Es wäre ein Verrat an der Führungsaufgabe von Politik.
Die dienende Funktion der Meinungsforschung in den Vordergrund zu rücken und dem Missbrauch derselben zu begegnen, war meine Motivation bei der Gründung des Markt- und Meinungsforschungsinstituts INSA. Dabei möchte ich eines betonen: Ich hätte diesen Weg ohne Gott nicht geschafft. Gleichzeitig bin ich überzeugt: Sowohl Mathematik als auch Empirie lassen uns die Gewissheit des Glaubens erahnen.
Wenn ich an das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends zurückdenke, so hatte ich den Eindruck, die Markt- und Meinungsforschung sei in ihrer Entwicklung stehen geblieben.
Neuen Ansätzen wurde mit großer Skepsis begegnet. Nicht mehr Fortschritt und Erkenntnisgewinn standen im Vordergrund. Dabei sind gerade auch in dieser Branche Innovation und Wettbewerb dringend notwendig. Künstliche Intelligenz unterstützt zusehends empirische Forschung, sie kann sie aber nicht ersetzen. Die befragten Menschen bzw. die Testpersonen bleiben der entscheidende Faktor.
Es hat der Meinungsforschung auch geschadet, wenn Meinungsforscher sich als Propheten versuchten – und als falsche Propheten entlarvt wurden. So war zu hören, Friedrich Merz werde nie Kanzler oder die AfD käme auf keinen Fall über 10 Prozent und befinde sich im Niedergang. Und das sind nur zwei Beispiele für Vorhersagen, die von der Wirklichkeit überholt wurden.
Bei allem Wettbewerb ist es mir wichtig, dass wir uns, egal in welchen Bereichen wir Verantwortung tragen, nicht gegenseitig den guten Willen absprechen. Jeder, der Verantwortung übernimmt, möchte im Regelfall das Beste. Das von vornherein auch dem anderen zuzugestehen, würde vieles von der Schärfe nehmen, die wir in unseren Tagen erleben. Otto von Bismarck (1815–1898), der das Bier aus dem Felsenkeller genoss, der zu unserem Institut gehört, hat zu Recht gemahnt: «Verfallen wir nicht in den Fehler, bei jedem Andersmeinenden entweder an seinem Verstand oder an seinem guten Willen zu zweifeln.»
Springen wir für einen Moment in die Gegenwart! Wie an allen Wahlabenden, so war es auch am 23. Februar 2025: Alle politisch Interessierten blickten auf eine 18-Uhr-Prognose, die mutmaßlich den Ausgang der Wahl verraten würde. Mit einem gewissen Stolz sah ich auf die beharrliche Arbeit unseres Teams zurück. Es war uns gelungen, die Bedeutung dieser ersten Prognose zu relativieren. Und auch dieses Mal spiegelte unsere Umfrage die Wirklichkeit genau: INSA lag mit seiner Vorwahlumfrage sogar näher am amtlichen Endergebnis als eine 18-Uhr-Prognose (siehe Grafik S. 11).

Die Bundestagswahl 2025 dokumentiert die grundlegende Veränderung der politischen Landschaft der Bundesrepublik Deutschland. Unsere Umfragen haben dies vorher angekündigt. Eines steht fest: Politische Meinungsforschung ist dann ein unverzichtbares Instrument für die freiheitliche Demokratie, wenn sie mit der tatsächlichen Wirklichkeit operiert und nicht mit einer erwünschten Wirklichkeit – unabhängig davon, ob und wem sie gefällt.
Ich möchte den politisch Verantwortlichen in Regierung und Opposition helfen, die Stimmung in der Bevölkerung zu erkennen, damit sie die eigene Kommunikation und das Handeln so gestalten können, dass man besser verstanden wird. Politik jedoch, die sich nur nach der jeweils aktuellen Stimmung richtet, macht sich überflüssig. Sie will nicht mehr für das als richtig Erkannte geradestehen, sondern folgt der vermuteten Mehrheitsmeinung, will nur Zustimmung, unabhängig wofür. Dabei erwarten viele Wähler von Politikern, dass sie nicht austauschbar sind, dass sie für etwas stehen, dass sie Ideen haben und dafür werben. Nur wer selbst überzeugt ist, wird auch andere überzeugen können. Demokratie lebt von «Köpfen», von der Meinungsfreiheit und dem temperamentvollen Streit um den richtigen Weg. Sonst könnte man den politischen Auftrag auch an die Künstliche Intelligenz (KI) oder ein Umfrageinstitut übergeben. Die Selbstaufgabe des Politischen hat der Demokratie und dem Land geschadet. Die Politik hat sich hinter den Bürgern versteckt. Das widerspricht aber der Idee der parlamentarischen Demokratie, des notwendigen Wettbewerbs und der Übernahme von Verantwortung.
Empirische Erkenntnis kann in allen Bereichen den Aufbruch zu neuen Ufern unterstützen. Dass und wie wir als Meinungsforscher unserer ganz spezifischen Verantwortung nachkommen wollen, darüber möchte ich in diesem Buch Rechenschaft ablegen und bedanke mich ganz herzlich für Ihr Interesse. Ich bedanke mich aber ganz ausdrücklich auch für Kritik. Sie hilft uns, demütig zu bleiben, und motiviert uns, besser zu werden. Damit sind wir bisher sehr gut gefahren. Wir bleiben Lernende.

( Mit freundlicher Genehmigung von www.insa-consulere.de)

Angesagt


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