
Luigi Pantisano, neuer Co-Vorsitzender der Linken, präsentiert sich gern als kompromissloser Antifaschist. Das ist zunächst einmal nichts Verwerfliches – im Gegenteil. Problematisch wird es jedoch, wenn der Begriff „Faschismus“ offenbar so inflationär verwendet wird, dass am Ende fast jeder politische Gegner darunterfällt. CDU, FDP, BSW, Teile der SPD – wer nicht die eigene Weltsicht teilt, wird schnell zum Kandidaten für den moralischen Pranger.
Das wirft eine interessante Frage auf: Wenn in Deutschland mit großer Konsequenz eine „Brandmauer“ zur AfD gefordert wird – unter Verweis auf Personen wie Bernd Höcke und radikale Strömungen innerhalb der Partei –, müsste man dann nicht auch darüber diskutieren, wie mit politischen Kräften umzugehen ist, die ihrerseits einen zunehmend sektenhaften Freund-Feind-Dualismus pflegen?
Natürlich besteht ein Unterschied zwischen der AfD und der Linken. Die AfD wird wegen völkischer Positionen, nationalistischer Rhetorik und einzelner extremistischer Tendenzen scharf kritisiert. Doch politische Radikalisierung misst sich nicht nur daran, was man fordert, sondern auch daran, wie man über Andersdenkende spricht.
Wer überall Faschisten sieht, läuft Gefahr, irgendwann gar keine mehr zu erkennen. Der Begriff verliert seine Schärfe und wird von einer historischen Beschreibung zu einer universellen Beschimpfung. Am Ende sind dann Konservative Faschisten, Liberale Faschisten, Sozialdemokraten latent verdächtig und selbst ehemalige Weggefährten nur einen Tweet davon entfernt, in die falsche Schublade gesteckt zu werden.
Die Brandmauer ist in Deutschland inzwischen zu einem politischen Fetisch geworden. Sie wird beschworen wie eine mittelalterliche Stadtmauer gegen die Barbaren vor den Toren. Doch während jeder Zentimeter Abstand zur AfD akribisch vermessen wird, scheint man gegenüber eigenen ideologischen Verhärtungen erstaunlich großzügig zu sein.
Vielleicht wäre eine etwas bescheidenere Erkenntnis hilfreich: Nicht jeder politische Gegner ist ein Faschist. Manchmal ist er einfach nur anderer Meinung. Und vielleicht beginnt Demokratie genau dort, wo man diese Erkenntnis aushält.
Denn wenn jeder außerhalb der eigenen Partei ein Faschist ist, bleibt am Ende nur eine beunruhigende Frage: Wo verläuft eigentlich die Brandmauer zu denen, die hinter jeder Ecke den Faschismus wittern – und dabei vergessen, dass politische Intoleranz kein Monopol der Rechten ist?
Oder, um es sarkastisch zu formulieren: Wenn irgendwann sogar der Paketbote als Vorbote des Faschismus gilt, weil er versehentlich die falsche Zeitung im Briefkasten hatte, dann sollte man vielleicht weniger nach Brandmauern und mehr nach einem Kompass suchen.









