Alles Leben ist Begegnung – Život je setkávání 

u-kn Intro:

Was liegt näher, als einen Bericht über das erstmals in Tschechien veranstaltete Treffen der Sudetendeutschen in unserer Reihe „Europa in Vielfalt, Vielfalt in Einheit“ von einem Tschechien und einem Deutschen gemeinsam beurteilen zu lassen. Hier der Leitartikel der aktuellen Ausgabe von u-kn:

Am Pfingstwochenende 2026 (21.–25.05.) fand der 76. Sudetendeutsche Tag statt. Erstmals in seiner Geschichte nicht in Deutschland, sondern in Tschechien, auch nicht im Sudetenland genau, sondern im mährischen Landesteil der CZ: Sudetendeutsche und ihre Freunde begegneten sich auf dem Messegelände von Brünn (Brno). Die Besucher erwartete ein vielfältiges Programm.  Das gemeinsame Kulturerbe von Sudetendeutschen und Tschechen sollte durch Tanz, Musik und Kulinarik lebendig erfahrbar werden. Der bayrische Ministerpräsident und der bundesdeutsche Innenminister Alexander Dobrindt (beide CSU) sprachen.: www.sudeten.de

Eingeladen wurden die Sudetendeutschen von dem Dialogfestival „Meeting Brno“. Das tschechische Abgeordnetenhaus dagegen hatte sich entschieden gegen die Veranstaltung gestellt. Eine Entschließung gegen das Treffen deutscher Vertriebener und ihrer Nachfahren wurde mit den Stimmen der neuen rechten Regierungsparteien (bestehend aus der rechts-populistischen ANO des Regierungschefs Andrej Babis, der Autofahrerpartei Motoristen und der ultrarechten Partei „Freiheit und direkte Demokratie“) verabschiedet. Die Opposition war der Abstimmung ferngeblieben; die Regierungsbank auffallend leer. In der Entschließung heißt es unter anderem, man verurteile „jegliche Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen und jegliche Infragestellung der Rechts- und Eigentumsverhältnisse in Tschechien“. Dabei hatte der Vertriebenenverband 2015 in seiner Satzung auf die Forderung nach Rückgabe von beschlagnahmtem Eigentum verzichtet.

Der diktierte Frieden von Versailles 1919 

Begonnen hatte die Tragödie mit dem ersten Weltkrieg und folgend mit dem diktierten Frieden von Versailles 1919: aus der Konkursmasse der Österreich- Ungarischen K und K Doppelmonarchie wurden durch die Schreibtischgrenzen der Imperialen neue zum Teil künstliche Staaten geschaffen. Die älteren unter den Lesern erinnern sich an Jugoslawien, das längst in sechs souveräne Staaten zerfallen ist. Neu geschaffen wurde auch die Tschechoslowakische Republik (heute geteilt in Tschechien und Slowakei). 

In dem neuen Staat auf dem Gebiet des ehemaligen böhmischen Königreichs, lebten vorwiegend Tschechen aber auch einige Minderheiten wir zum Beispiel die deutsch-österreichische Minderheit (ca. 22 %), welche in dem neuen Parlament ihre Sitze hatten. Eigentlich lebte die Tschechen mit ihren Minderheiten gut miteinander. Dass die Sudetendeutschen zu Deutschland oder Österreich (zurück) strebten muss nicht verwundern. Gleichwohl: Nach dem Zerfall der Monarchie blieb in Österreich mehr Chaos und auch schlechte Zeiten. Die Industrie war in der Tschechoslowakei und dem Land ging es sehr schnell sehr gut. Die CZ-Krone hatte einen hohen Wert in Europa. Und Deutschland hatte damals genauso wie nach dem zweiten Weltkrieg wenig Lust auf Zuwanderung. Also der Wunsch zum Reich zu gehören, kam erst mit Hitler und ihr Wunsch wurde vom Dritten Reich instrumentalisiert und mit der Appeasement Politik und dem „Anschluss“ des Sudetenlandes an das Deutsche Reich 1938 infolge des Münchner Abkommens die Tschechoslowakei faktisch zerschlagen. 

Aus der Sicht einer Tschechin:

Dr. Jaromira Kirstein, in Kreuzlingen /CH lebende Tschechin erinnert zurecht daran, dass infolgedessen des Anschlusses zum „Reich“ Tausende Tschechen und Juden entrechtet wurden und in das Innere der Tschechoslowakei fliehen mussten. Ein Fakt der im Sudetendeutschen Zeitstrahl ausgeblendet wird. „Die Frage „Warum“: was führte zu der Vertreibung wird von den Sudetendeutschen gänzlich ausgeblendet. Während der Festivitäten der Sudetendeutschen in Brno haben viele Tausende Brünner gegen die Aktion demonstriert und das sind nicht alle Rechtsradikale, wie das die deutsche Presse beschrieben hat.

Hier sind es eher die sogenannten „Beneš-Dekrete“ die thematisiert werden, jene Dekrete, die sich gegen die deutsche und ungarische Minderheit richteten und auf deren Grundlage ca. 3 Mio Deutsche aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden und eine jahrhundertelange gemeinsame Geschichte endete.  Tausende (Bei Pohorelice „Der Todesmarsch“ nach Österreich) ca. 1700) kamen bei der Flucht ums Leben. Bis heute sind die Beneš-Dekrete und der sogenannte „Brünner Todesmarsch“ ein sensibles Thema in den Beziehungen zwischen Deutschland, Österreich und Tschechien. Leider fragt keiner der Sudetendeutsche wieviel Tschechoslowaken die Deutschen während des Krieges ermordet hatten.

Václav Havel (1936-2011

Václav Havel, Staatspräsident der Tschechoslowakei (1993-2003). Anti-Kommunist, Initiator der „Charta 77“; Schriftsteller (und Raucher – siehe den Artikel zum Weltnichtrauchertag) sah sich in der Frage der Beneš-Dekrete einem schwierigen Spagat ausgesetzt. Einerseits verurteilte er als erster tschechischer Präsident 1990 moralisch die Vertreibung der Sudetendeutschen, andererseits bekräftigte er als Staatsoberhaupt, dass die Dekrete ein unabänderlicher und integraler Bestandteil der tschechischen Nachkriegsrechtsordnung seien. Ein Mitunterzeichner der „Charta 77“, der tschechische Schriftsteller und Politiker Milan Uhde wurde beim Sudentendeutschen Tag nun mit dem Europäischen Karls-Preis, der höchsten Auszeichnung der Sudetendeutschen, geehrt und Pavel Kohout, einer der prägendsten tschechischen Schriftsteller der Gegenwart sagte in seinem Grußwort an den Sudetendeutschen Tag „Die Vergangenheit ist vergangen“. Wahre Worte. Und dennoch muss auf beiden Seiten noch einiges aufgearbeitet werden, um „Europa“ umzusetzen:  dass die zugereisten Sudetengäste der Skulptur von Präsident Beneš-auf einem Platz die Hände rot verschmierten, dient jedenfalls nicht der Sache. 

Als französische Truppen 1945 Südwestdeutschland besetzten ließen sie die deutschen Siegesdenkmale des 1870/71-Krieges unversehrt. Ein Zeichen des Respektes sogar unmittelbar nach Kriegsende. 

Einheit in Vielfalt- Vielfalt in Einheit: Die außereuropäischen Weltmächte zwingen uns dazu, die geschichtlichen Blindenbinden abzunehmen und entschlossen das Gemeinsame anzugehen.

Angesagt


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