Rathausrevolution mit Filterkaffee
Eine Konstanzer Glosse

Im Konstanzer Rathaus ereignete sich kürzlich ein politisches Schauspiel, das irgendwo zwischen kommunalem Pflichttermin und ideologischer Situationskomik einzuordnen ist: Oberbürgermeister Uli Burchardt (CDU) empfing den frischgebackenen Bundestagsabgeordneten Luigi Pantisano (Die Linke).

Ein Foto, zwei Politiker, vermutlich Kaffee – und ganz viel demokratische Harmonie für die politische Bildergalerie.

Wer die Konstanzer Politik der letzten Jahre verfolgt hat, konnte sich ein Schmunzeln kaum verkneifen. Schließlich trat Pantisano noch vor nicht allzu langer Zeit als Gegenkandidat gegen den Amtsinhaber an und erklärte der Stadt, warum vieles grundlegend anders laufen müsse. Mehr soziale Politik, mehr Transformation, mehr Mut zur Veränderung.

Kurz gesagt: weniger Rathaus, mehr Revolution.

Heute sitzt der Revolutionär im Rathaus.

Vom Aktivisten zum Amtstermin

Die politische Karriere von Luigi Pantisano erzählt eine Geschichte, die man in Deutschland öfter beobachten kann: Der Weg führt vom engagierten Aktivisten über kommunalpolitische Kampagnen schließlich in den parlamentarischen Betrieb.

Dort angekommen stellt man fest:
Die Revolution beginnt erstaunlich oft mit einem freundlichen Empfang im Rathaus.

Statt Megafon gibt es jetzt Terminabstimmungen.
Statt Protestzug gibt es Pressetermin.
Und statt Systemkritik gibt es – nun ja – kommunalpolitischen Austausch.

Das mag ernüchternd wirken, aber es ist wohl der Moment, in dem politische Idealisten endgültig im Betrieb der Institutionen ankommen.

Die große symbolische Umarmung

Der Empfang selbst folgt dem klassischen deutschen Politikritual: Man betont den „konstruktiven Austausch“, spricht von „gemeinsamen Herausforderungen“ und vermeidet alles, was nach echtem Streit aussehen könnte.

Dabei gäbe es durchaus Gründe für Streit. Die politische Distanz zwischen CDU und Linkspartei ist schließlich nicht gerade klein. In manchen Debatten liegen zwischen beiden Parteien ganze ideologische Kontinente.

Doch im Rathaus scheint das alles plötzlich erstaunlich weit weg.

Die Revolution bekommt einen Kaffee.
Der Konservative ein Foto mit dem politischen Gegner.

Und beide können anschließend behaupten, wie wichtig Dialog doch sei.

Die Frage, die niemand stellt

Die wirklich interessante Frage taucht bei solchen Terminen allerdings nie offiziell auf:

Würde Uli Burchardt denselben Empfang auch einem Bundestagsabgeordneten der Alternative für Deutschland ausrichten? Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt ungefähr auf dem Niveau eines Wintereinbruchs am Bodensee im Juli. Offiziell würde man natürlich sagen: Der Oberbürgermeister steht für demokratischen Dialog. Inoffiziell weiß jeder in der deutschen Kommunalpolitik: Dialog hat eine ziemlich klare parteipolitische Komfortzone. Mit linken Politikern kann man sich streiten und anschließend freundlich fotografieren lassen.
Bei anderen Parteien endet die Dialogbereitschaft deutlich schneller.

Politische Ironie made in Konstanz

Das alles ergibt eine kleine, aber sehr deutsche politische Ironie. Der linke Politiker, der gern das System kritisiert, wird vom System freundlich empfangen.

Der konservative Oberbürgermeister demonstriert Offenheit – allerdings nur innerhalb eines politisch akzeptierten Spektrums.

Und am Ende bleiben zwei Erkenntnisse:

Erstens: Der politische Betrieb ist erstaunlich anpassungsfähig.
Zweitens: Revolutionäre werden spätestens dann sehr systemkompatibel, wenn sie einen Bundestagsausweis besitzen.

Für Luigi Pantisano ist der Besuch im Rathaus also vielleicht mehr als nur ein Pflichttermin. Er ist eine Art symbolischer Ritterschlag: Willkommen im politischen Establishment.

Und für Uli Burchardt ist es der Beweis, dass politischer Dialog wunderbar funktioniert – solange niemand wirklich zu unbequem wird.

So läuft Politik manchmal.

Die Revolution endet nicht mit einem Knall.

Sondern mit einem Pressetermin im Rathaus.

Angesagt


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