ZeitenWenden

Intro (von u-kn):
Das aktuelle Buch von Ulrike Guérot ist, man möchte eine Pause zwischen den Wörtern einfügen: Bedrückend und aktuell. Es geht um die Intellektuellen, die selbsternannten,  die Ulf Poschardt in seinem 2025 erschienen Buch „Shitbürgertum“ als anmaßend und moralisch selbstgefällig kritisiert. Schon Franz Kafka stand Intellektueller Selbstinszenierung skeptisch gegenüber. Nachstehend der letzte Buchauszug aus dem Werk Zeitenwenden.

Es waren die Intellektuellen, die das sogenannte Volk, eigentlich aber alle Bürger im Stich gelassen haben, als es in den letzten Jahren darum ging, erst die Freiheit, dann den Frieden zu verteidigen, ganz wie Julien Benda es in La trahison des clercs von 1927 geschrieben hat. Das Buch ist bedrückend aktuell. »Alle politischen Ideologien beanspruchen heute, auf Wissenschaft zu beruhen«, schrieb Benda schon damals, vor knapp einhundert Jahren (S. 99, dt. Ausgabe). Es sind Wissenschaftler, die mit Klima- oder Corona-Studien um sich werfen und damit Dystopien zementieren, anstatt an die Kreativität und die Fülle des menschlichen Lebens zu glauben. Es sind die Intellektuellen, die jene Diskurse von Identität, Gender oder Diversity erfunden haben, um über Class und Chancengerechtigkeit nicht mehr reden zu müssen. Es sind die Intellektuellen oder die Kulturschaffenden, die mit Trigger-Warnungen und Ähnlichem die Infantilisierung der Gesellschaft mitbetreiben und dabei Grundprinzipien des Humanismus verraten, zum Beispiel, dass wehrhafte, mündige, aufgeklärte Bürger wissen, was sie tun. Die Shitbürger, wie Ulf Poschardt schreibt, sind es auch, die Anstand, Fleiß und Ehrlichkeit verraten haben, aus denen aber der Kitt gemacht ist, der eine Republik zusammenhält.
Und es sind genau diese Leute, die Shitbürger, die in den vergangenen Jahren nicht mehr mit mir reden wollten, weil ich zu Corona dies, zur Ukraine jenes und zu Gaza wieder dies gesagt habe. Wer nicht mehr mit mir reden wollte, waren diejenigen, die von sich meinen, sie seien die Guten, die Toleranten oder die Liberalen. Und die meistens am Ende Punkt sagen. Punkt. Da gibt es nichts zu diskutieren. Wenn du das nicht auch so siehst, dann kann ich dir nicht helfen. Wer nicht mit mir von Angesicht zu Angesicht reden oder diskutieren wollte, trotz mehrfacher Aufforderung oder Einladung, waren diejenigen, die mich am meisten auf sozialen Medien ausgegrenzt oder diffamiert hatten: die dressierte Antifa, die Jusos in Bonn, der AStA, die Fachschaft  oder das StuPa. Oder auch FDP-Abgeordnete, also die ganz besonders Liberalen. Oder Personen, die Kontaktaufnahme per Mail  abgewiegelt haben, zum Beispiel ein Professor und ehemaliger  Kollege mit den Worten: »Ich nobilitiere(!) dich doch nicht durch  ein Gespräch mit mir.« Oder eine Literaturagentin, die in Berlin  einmal demonstrativ ein Restaurant verlassen hat, als sie mich  erblickte. Voilà, die vornehme Gesellschaft auf dem Höhepunkt  ihres moralischen Dünkels! Mögen es Einzelfälle bleiben, denn  sie künden von nichts Gutem außer von der Stasis

Gelandet sind wir, vor allem durch das Wegschauen des verbeamteten Bürgertums, in einer quasi kindischen Gesellschaft, die  nur noch Schutz und Prävention sucht, von der Mammographie  bis zum Bunker, die Gebrauchsanleitung in leichter Sprache  dazu. Bürger aber sind nicht Menschen in diesem Lande, die mit  hysterischen Angstdiskursen aller Art von Klima bis Krieg dahin  geschubst werden sollen, wo man sie haben will: Sie sind im  Gegenteil das Rückgrat der Republik. Sie wollen Respekt, Hoffnung, Sinn, Zukunft, Perspektive, Aufgabe und Teilhabe, aber  keine Angstdiskurse und Hysterie.  

Ich freue mich auf den Moment, in dem dieses Land – hoffentlich bald – wieder zur Räson kommt, eine seriöse Corona Aufarbeitung beginnt und in einem Atemzug den Schalter von  Kriegstüchtigkeit auf Friedfertigkeit umstellt. Kurz: in dem die  Bundesrepublik sich wieder auf Freiheit, Frieden und Europa  konzentriert anstatt auf Überwachung, Krieg und nationale  Schließung. Manchmal habe ich den Eindruck, man müsse nur  mal einen Stecker ziehen, dann kommen alle wieder runter, wie  nach einem schlechten LSD-Trip. 

Denn Räson brauchen wir dringender denn je, stehen wir  doch an einer Zeitenwende. Und es gäbe einiges ernsthaft zu  diskutieren. Deshalb nehme ich Sie nach meinem persönlichen  Spaziergang mit zu einem Streifzug durch ebenjene Zeiten wende.

(Buchauszug aus „ZEITENWENDEN“ von Ulrike Guérot, S.13f. Mit freundlicher Genehmigung des Westendverlages)


Siehe auch:

ZeitenWenden Skizzen zur geistigen Situation der Gegenwart

Ein Spaziergang durch die Republik von Ulrike Guérot »Ich hoffe immer noch, dass die Staatsmacht endlich aufhört,sich wie das hässliche Mädchen zu verhalten, das den Spiegelzerschlägt, in der Meinung, er sei schuld an seinem Aussehen.« Vaclav Havel vor Gericht, 1989 Das Manuskript zu diesem Buch ging am 2. Mai 2025 in Druck. Alles, was seither…

Buchvorstellung: Zeiten Wenden

von Ulrike Guérot Europa steht an einer historischen Schwelle.In ZeitenWenden seziert Ulrike Guérot den geistigen, politischen und gesellschaftlichen Zerfall unserer Zeit. Mutig und unerschrocken legt sie offen, wie Demokratien zerbröckeln, Freiheit preisgegeben und Europa in Kriegsrhetorik erstickt wird. Guérot schreibt gegen das Vergessen, das Wegsehen und die Lüge – und für die Rückbesinnung auf Vernunft,…

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