Bildung – der sicherste Weg aus der Armut!- Teil 2

Das soziale Projekt der Deutsch-Indischen Gesellschaft Bodensee e.V. in Indien

von Dr. Cornelia Mallebrein

Erfolgsstory – Renuka Mallick
Sie ist Angehörige der Kondh, ihre Heimat ist ein abgelegenes Dorf in den Kandhmal-Bergen. Ihre Familie war so arm, dass sie das Mädchen nicht mehr ernähren konnten. Das Banabasi-Zentrum nahm sie auf. In der Schule tat sie sich sehr schwer, zum einen war der Unterricht in einer Sprache (Oriya), die sie nicht kannte. Sie hatte mit vielen persönlichen Problemen zu kämpfen, so einem mangelnden Selbstvertrauen, sie fühlte sich als Adivasi-Angehörige rückständig. Dennoch war ihr Wille groß, einen technischen Beruf zu erlernen. Rohit Maharana, Jugendkoordinator bei Ashakiran, erkannte Renukas großes Potenzial, sah aber auch ihre Probleme und begann, sie kontinuierlich zu beraten und zu motivieren. Sie fasste Mut. Ashakiran nahm sie als Stipendiatin auf und finanzierte sie sechs Jahre; zunächst eine Ausbildung im staatlichen Technikum (ITI) in der Provinzstadt Phulbani als Elektrotechnikerin, welche sie mit gutem Zeugnis abschloss. Sie bekam einen Studienplatz im CV Raman College in der Hauptstadt Bhubaneswar. Als sie an einem Seminar im Bereich Hotelmanagement und Bäckerei an der CV Raman Global Universität teilnahm, war sie so gut, dass die Universität sie sofort als Managerin in ihrer Backstube einstellte. Dort backt sie heute mit Leidenschaft. Renukas Erfolgsgeschichte zeigt, wie wichtig es ist, junge Menschen nicht nur finanziell zu unterstützen, sondern sie auch gezielt zu begleiten und sie auf ihrem nicht immer leichten Weg zu motivieren und ihnen Mut zu machen, ihnen die Chance zu geben, ihrer Begabung zu folgen.

Erfolgsstory – Kajol Nayak

Kajol Nayak stammt aus einer sehr armen Familie. Ihre Eltern starben, als sie ein Kind war. Sie kam zu Verwandten, die sie und ihre zwei jüngeren Geschwister nur widerwillig aufnahmen und tyrannisierten. Schon in frühen Jahren musste sie die Verantwortung für die Geschwister übernehmen. Ihre Jugend war geprägt von harter Arbeit und Misshandlung. Die Geschwister durften die Schule nicht besuchen, mussten auf den Feldern arbeiten. Schließlich nahm das Banabasi-Zentrum die vernachlässigten Mädchen auf.  Schon in der Schule zeigte sich, dass Kajol ein großes Talent für den technischen Bereich hat. Sie wollte Ingenieurin werden. Ashakiran nahm sie als Stipendiatin ins Förderprogramm auf und förderte sie fünf Jahre. Zunächst studierte sie KFZ-Mechanikerin am staatlichen Technikum ITI in Phulbani. Dann folgte ein Studium in Ingenieurstechnik mit Diplom an der CV Raman Global University. Dank ihres hervorragenden Diploms erhielt sie eine Anstellung bei der Firma Apollo Tyres in Chennai, Tamil Nadu. Dort ist sie eine beliebte Mitarbeiterin im Bereich Maschinenüberwachung und -betreuung. Auch Kajol nutzt jede Gelegenheit, um ihre Freunde im Banabasi-Zentrum zu besuchen und zu motivieren. Sie ist ein Beispiel dafür, dass man durch eine gezielte Ausbildung und großen Fleiß seine Zukunft selbst in die Hand nehmen kann.

Erfolgsstory – Madhumita Panigrahi

Ihre Eltern sind sehr arm. Ihr Vater arbeitet als Koch. Es war undenkbar für die Familie, eine Ausbildung ihrer Tochter zu finanzieren. Sie bewarb sich deshalb für das Ashakiran-Förderprogramm, sie wurde fünf Jahre finanziell unterstützt. Ihr Wunsch war es, in Zukunft in der Schule für Gehörlose des Banabasi-Zentrums zu unterrichten. Ihr Ausbildungsweg war geprägt von großem Interesse und Zielbewusstsein. Sie schloss ihr Studium am Autonomous College in Phulbani ab und ging anschließend nach Kolkata zum Ali Yavar Jung National Institute of Speech and Hearing Disabilities (Regional Centre), um Sprachtherapie zu studieren. Im Jahr 2023 schloss sie ihr Studium mit Auszeichnung ab. Heute unterrichtet sie hörgeschädigte und gehörlose Kinder in Balliguda. Dank ihrer Ausbildung in den neuesten Techniken der Wissensvermittlung und ihren umfangreichen pädagogischen Kenntnissen ist sie ein Segen für die Kinder und damit auch die Gesellschaft, denn Behinderte haben einen schweren Stand.

Erfolgsstory – Shraban Pradhan

Er ist ein Kondh-Adivasi aus äußerst armen Verhältnissen. Sein Dorf liegt fernab in den Kandhmal-Bergen. Die Eltern starben als er sechs war. Er wuchs im Banabasi-Zentrum auf. Schon früh wurde klar, dass sein Lebenstraum der eines Elektroniktechnikers ist. Er wurde Stipendiat des Ashakiran-Förderprogramms, das ihn fünf Jahre förderte. Zunächst studierte er am Industrial Training Institute (ITI) in Phulbani Elektrotechnik, wo er mit Auszeichung abschloss. Daher bekam er einen Studienplatz am Central Tool Room & Training Centre (CTTC) in Bhubaneswar, wo er ebenfalls zu den Besten gehörte. Es wurde ihm ein Praktikumsplatz in Ranchi, Jharkhand, angeboten. Dort wurde er vom multinationalen Netzwerkunternehmen Commo Scope Pvt. Ltd. mit Sitz in Goa als Techniker angeworben. In allen Ferien kommt Shraban ins Banabasi-Zentrum zurück, um seine Freunde zu motivieren, sich intensiv um ihre Zukunft zu bemühen. Er ist ein Vorbild für alle und zeigt, dass Bildung der sicherste Weg aus der Armut ist.
Die Lebenswege von Renuka, Kajol, Madhumita und Shraban zeigen, dass jeder, unabhängig vom sozialen Hintergrund und Grad an Armut, die Chance hat, einen zukunftssicheren Beruf zu erlernen, wenn das Engagement vorhanden ist, aber auch die finanziellen Mittel. Einem jungen Menschen zu einem Beruf zu verhelfen, heißt auch, der Familie aus der Armut zu helfen, denn sie alle geben eine Teil des Lohns an ihre Familie weiter.
Für junge Menschen die Weichen für eine bessere Zukunft zu stellen ist nicht teuer: Jeder Stipendiat hat von Ashakiran zwischen 50 – 80 Euro pro Monat gekostet. Die Förderzeit war meistens fünf – sechs Jahre. Das Geld wurde für den Lebensunterhalt, Studiengebühren und Studienmaterial gebraucht. Die Voraussetzung war allerdings, dass die Studien an einer staatlichen Einrichtung durchgeführt wurden. Einen Platz zu erhalten ist nicht leicht, aber mit guten Noten möglich. Es ist ein Anliegen der Regierung von Odisha jungen Menschen, vor allem Adivasi, aus ärmsten Familien (below poverty line, d.h. 3 Dollar am Tag) die zum Teil horrenden Studiengebühren zu erlassen, mit dem Ziel der Chancengleichheit. Doch wer finanziert ihren Lebensunterhalt? Die Reise zum Studienort und Wohnkosten? Es sind genau diese 50,- Euro die sie nie aus eigener Kraft aufgrund ihrer Armut aufbringen könnten.
„Wahre Bildung wächst nur, wenn sie den Ärmsten Hoffnung und Nutzen bringt“. Mahatma Gandhi.

Dr. Cornelia Mallebrein ist Indologin und Ethnologin, seit 2004 leitet sie die DIG-Bodensee e.V. Im Jahr 2003 erhielt sie den Rabindranath Tagore-Kulturpreis der Deutsch-Indischen Gesellschaft und 2012 in Konstanz das Bundesverdienstkreuz für ihr kulturelles und soziales Engagement (www.dig-bodensee.com; http://www.mallebrein.com; http://www.ashakiran.de)

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