von Prof. Dr. Jürgen Klöckler

Intro:
Zur spanisch-lateinamerikanischen Geschichte von Konstanz diese Woche nun nachfolgender Vortrag des Konstanzer Stadtarchivars Prof. Dr. Jürgen Klöckler anlässlich der Mitgliederversammlung des Deutsch-Kolumbianischen Freundeskreises in Konstanz (2005). Prof. Dr. Klöckler hat ihn u-kn.de auf Anfrage zur Verfügung gestellt. Der Inhalt ist auch nach 20 Jahren noch aktuell und korrekt.
Das Geschlecht der Ehinger ist in Konstanz schon im frühen 14. Jahrhundert nachgewiesen und einzelne seiner Mitglieder bekleideten schon bald hohe Ämter und wurden in den Adelsstand erhoben. Welches Ansehen dieses Geschlecht genoss, wird wohl am besten durch den Umstand illustriert, dass der Amman Heinrich Ehinger zu den vier Konstanzer Ratsmitgliedern gehörte, die 1414 Papst Johannes XXIII. bei seiner Ankunft in der Stadt feierlich empfingen und den Thronhimmel trugen. 1425 wurde Heinrich sogar zum Bürgermeister von Konstanz gewählt. Auch im Großhandel etablierte sich die Familie rasch und errichtete schon im 15. Jahrhundert Handelsniederlassungen in Spanien. Ihr geschäftlicher Einfluss dort erreichte dann zu Beginn des 16. Jahrhunderts seinen Höhepunkt. Maßgeblich daran beteiligt waren die vier Brüder Hans, Heinrich, Jörg und Ulrich – alles Söhne von Hans Ehinger und Margareta Neidhart.
Der älteste, Heinrich, 1484 in Konstanz geboren, war der wichtigste kaufmännische Repräsentant seiner Familie und vertrat schon 1519 die Welser in Saragossa als Faktor. 1523 finden wir ihn in Sevilla, wo er für die Deutschen fast die gesamte Ladung von Gewürzen und Spezereien übernahm, welche die „Victoria“ des Magalhaes (Magellan) von ihrer ersten Weltumsegelung mitgebracht hatte. 1524-1528 weilte Heinrich wieder in Konstanz. In dieser Zeit nun hat das bedeutende Handelshaus der Welser, wahrscheinlich durch die geschäftlichen Erfahrungen ihres Faktors angeregt, von Kaiser Karl V. ein Privileg erlangt, das ihnen für den Verkehr mit den überseeischen Ländern die gleichen Rechte und Möglichkeiten wie den spanischen Untertanen gewährte. Sie haben daraufhin eine eigene Faktorei in Santo Domingo auf Hispaniola gegründet. Heinrich Ehinger schloss daraufhin mit dem Gouverneur der Provinz Santa Marta, Garcia de Lerma, und Hieronymus Sailer am 4.2. 1528 in Burgos einen Vertrag, in welchem die gegenseitigen Rechte und Verpflichtungen bei der Neubesiedelung Venezuelas festgelegt wurden. Seit 1528 beschaffte er zusätzlich noch Arbeitskräfte für Süd- und Mittelamerika, darunter auch deutsche Bergleute nach der Insel Hispaniola. Er war aber auch für die Lieferung von Sklaven aus Afrika zur Bewirtschaftung der großen Plantagen verantwortlich. In seinen Zuständigkeitsbereich fiel überdies das Einschmelzen der in der Neuen Welt gefundenen Edelmetalle. Der wichtigste Vertrag jedoch, der sogenannte venezuelanische Besiedelungsvertrag, wurde am 24.03.1528 abgeschlossen. Darin erhielten Heinrich Ehinger und Hieronymus Sailer die Hoheitsrechte über die neu zu erobernde Provinz zugesprochen. Die Rechte umfassten alles Land vom Cabo de la Vela und vom Golf von Venezuela an bis zum Kap Maracapana an der Nordküste Venezuelas bis zum Pazifischen Ozean. Die neue Provinz umfasste also nicht nur einen Teil des heutigen Venezuelas, sondern auch die Grenzregionen von Kolumbien. Die bürgerliche Leitung lag bei Ehinger, während die militärische Sailer zufiel. Sollten beide selbst nicht nach Venezuela kommen können, sollten diese Hoheitsrechte Ambrosius (Th)alfinger und Georg Ehinger zustehen. Zur Überwachung der Ausrüstung der nach Venezuela bestimmten Expedition weilte Heinrich Ehinger im Herbst 1528 selbst in Sevilla. Die Fahrt hat er aber nicht persönlich angetreten, sondern Ambrosius Thalfinger die Leitung der Provinz überlassen. Die tatsächlichen Ausmaße dieses Projekts und die Schwierigkeiten der Ansiedlung sind wohl von den Ehingern zunächst unterschätzt worden. Die Schwierigkeiten der Eroberungszüge bei der Suche nach dem begehrten Gold, das dennoch bei weitem nicht die schon gemachten Ausgaben decken konnte, führten zu immer heftigerem Streit zwischen den Geschäftspartnern. Ernüchtert und wohl auch in realistischer Einschätzung der kaufmännischen Risiken zog sich Heinrich zusammen mit seinem Bruder Jörg schließlich im Jahr 1530 aus dem Welserschen Geschäft zurück und wurde noch im gleichen Jahr Säckelmeister Kaiser Karls V. Hochgeehrt ist er dann in Spanien um das Jahr 1537 gestorben.
Sein Bruder Ulrich, der nur ein Jahr später in Konstanz geboren wurde, gehörte von 1509-1518 dem Großen Rat von Konstanz an. Er muss aber schon früh in Spanien tätig gewesen sein, denn er taucht 1507 in Valencia auf und ist 1514 in Saragossa nachgewiesen. Ulrich gewann rasch die Gunst Kaiser Karls V., der ihn in seinen Rat berief und ihm 1525 den rittermäßigen Reichsadelsstand verlieh. Auch er hat an Heinrich Ehingers Projekt mitgewirkt und sächsische Bergleute nach Santo Domingo vermittelt. Sein Einfluss am kaiserlichen Hof dürfte nicht unbeträchtlich gewesen sein. Wie hoch seine Verdienste dort eingeschätzt wurden, unterstreicht seine Ernennung zum Ritter des Ordens von San Jago. In Spanien ist er dann auch 1537 gestorben.
Der dritte Bruder Hans, geboren in Konstanz 1487, ließ sich schon früh in der Reichsstadt Memmingen nieder. Er widmete sich ebenfalls dem Großhandel und diente den Welsern lange als Faktor. Wie ein Gnadenbrief aus dem Jahr 1544 belegt, spielte er eine wichtige Rolle bei der Krönung Karls V. 1520 und avancierte ebenfalls rasch zum kaiserlichen Rat. Er hat den Kaiser vor allem in finanziellen Angelegenheiten beraten. Man wird wohl davon ausgehen können, dass er seine bevorzugte Stellung gleichfalls zu Gunsten seines Bruders Heinrich genutzt hat. Hans Ehinger hat alle seine anderen Brüder überlebt und ist wohl im Jahr 1545 gestorben.
Der jüngste Ehinger, Jörg, der 1503 in Konstanz geboren wurde, kam schon 1518 an den spanischen Hof. 1526 wurde er dann von Kaiser Karl V. nach Westindien entsandt. Die Bekanntschaft Jörgs mit Garcia de Lerma auf Santo Domingo dürfte den ersten Anstoß zu dem venezuelanischen Kolonisationsversuch der Ehinger gegeben haben. 1530 versuchte er in Coro, da Ambrosius Thalfinger mit seinen Eroberungszügen ins Landesinnere beschäftigt und ständig abwesend war, die ihm vertraglich zugesagte Gouverneurswürde an sich zu bringen. Die überwiegende Anzahl der Spanier stand diesem Vorhaben jedoch feindlich gegenüber und zwang Jörg Ehinger zur erfolglosen Rückkehr nach Santo Domingo. Obwohl Heinrich entschieden für die Rechte seines Bruders eintrat, war ihm kein Erfolg beschieden. Besonders die Welser beanspruchten nun die Führerschaft an diesem Unternehmen. Daraufhin traten die Beiden schon im Frühjahr 1530 aus der Welserschen Handelsgesellschaft aus. Jörg Ehinger ist noch im gleichen Jahr nach Europa zurückgekehrt, hielt sich dann einige Jahre in Konstanz auf, ist aber dann noch einmal nach gereist, wo er um das Jahr 1537 von einem Spanier getötet worden ist.
Nun zu dem in den Quellen vielgenannten Ambrosius „Ehinger“, der 1529 mit 500 Mann auf drei Schiffen bei Coro gelandet ist und in den Jahren 1529-1530 und 1531-1533 zwei Expeditionszüge zur Erforschung des Maracaibo-Sees und des Grenzgebietes von Venezuela und Kolumbien in Marsch gesetzt hat. Der Hunger nach Gold und schnellem Reichtum hat ihn ins Verhängnis getrieben. Schon 1531 ist er bei Kämpfen mit Indios ums Leben gekommen.
Die Angabe der im Britischen Museum aufbewahrten spanischen Dokumente, dass Heinrich Ehinger einen Bruder namens Ambrosius gehabt habe, lässt sich quellenmäßig nicht belegen. Weder unter den Konstanzer noch den Ulmer Ehinger findet sich für die fragliche Zeit ein Familienmitglied des Namens Ambrosius. Stattdessen dürfte es sich bei ihm wahrscheinlich um eine Person aus dem Bekanntenkreis der Ehinger handeln, die aus dem nahe bei Ulm befindlichen Dorf Thalfingen stammte. Geboren wurden die Brüder Ehinger im Haus „Zur Leiter“ am Eingang der Zollernstraße im Herzen der Konstanzer Altstadt. Das Gebäude war schon Ende des 15. Jahrhunderts im Besitz dieser Familie und wurde 1543, also noch zu Lebzeiten von Hans Ehinger, im Stil der frühen Renaissance umgebaut. Leider ist der imposante Bau 1896 abgebrochen worden – nur das aufwendige Portal, das zu den schönsten der ganzen Stadt gerechnet werden muss, blieb erhalten. Sie können es heute im Innenhof des Rosengarten-Museums bewundern. Auch wenn der Zahn der Zeit schon an seiner Fassade genagt hat, lässt es doch noch die große Bedeutung und das hohe Ansehen, welche die Ehinger damals in Konstanz besaßen, erahnen.
Erst 300 Jahre später betrat wieder ein Deutscher die Pfade, auf denen das Konstanzer Patriziergeschlecht der Ehinger gewandelt war, diesmal ein Mensch und Forscher, auf dem man bedenkenlos stolz sein kann, weil nicht materieller, sondern wissenschaftlicher und humanitärer Gewinn sein Ziel war: Alexander von Humboldt!
Siehe auch:
Konstanz, der Rheintorturm und seine spanische Geschichte: eine verpasste Chance
von Claus-Dieter Hirt Warum fragt sich (nicht nur der Tourist) heißt die dominante Bellevue auf dem rechtsrheinischen Teil unserer Stadt gegenüber dem Rheintorturm denn Spanierstraße? Warum hat man sie nicht nach Portugal oder Italien…









