Jede an einem Gewässer liegende Siedlung muß zwangsläufig damit rechnen, daß dieses Gewässer über seine Ufer treten kann, und Schäden für Bewohner und Infrastruktur anrichtet. Noch bis vor einigen Jahrzehnten war es z. B. fast normal, daß der Fahrdamm zur Insel Reichenau jedes Jahr -wenn auch nur etwas am Rande- überflutet wurde. Meistens war das Passieren des Dammes per Pferd und Wagen, oder gar barfüßig kein Problem. Es gab aber auch in Ausnahmejahren besonders hohe Wasserstände. Fünf besondere Hochwasserereignisse sollen nachstehend erwähnt werden.
1999
Hier in Konstanz, erinnert man sich grade daran, daß vor 25 Jahren der Bodensee zum letzten Mal kräftig über seine Ufer trat. Ursache war ein Tiefdruckgebiet, welches von der Biskaya, über Frankreich und Süddeutschland bis nach Tschechien zog. Wie auf einer Wolkenautobahn regneten tagelang wahre Wassermassen ab.
Am Pfingstmontag, den 24. Mai 1999, war mit einem Pegelstand von 5,65m der vierthöchste Pegelstand nach 1817 erreicht. Feuerwehr und Technisches Hilfswerk errichteten entlang der Hafenmole bis zum Stadtgarten eine durchsichtige Wasserbarriere, hinter der man den Wasserstand sehen konnte. Zudem wurden 20`000 Sandsäcke verbaut. Die Schiffe konnten nur über Behelfsstege erreicht werden. Gesperrt waren der Stadtgarten, die Seestraße, und der Seeuferweg. Der Schiffsverkehr zwischen Kreuzlingen und Schaffhausen wurde eingestellt.
Die Badegäste am Freibad Hörnle konnten „ebenerdig“ baden gehen. Die Reichenau wurde wieder zur Insel. Der damalige Reichenauer Bürgermeister, ein Reserveoffizier, bekam Hilfe von der Bundeswehr, welche mit ihren hochachsigen Lkw`s tagelang die Insel über den überfluteten Fahrdamm versorgten.
1965
Nach ausgiebigen Regenfällen, zusammen mit reichlichem Schmelzwasser aus den Alpen und dem Alpenvorland, hatte der Bodensee bereits im Mai die 4m- Marke überschritten, als in der Nacht auf den Donnerstag, den 17. Juni (Fronleichnam u. Tag der Deutschen Einheit), von Westen her ein Sturmtief Süddeutschland erreichte. Der Sturm verhinderte die Vorbereitungen zu den Fronleichnamsprozessionen, welche abgesagt wurden. Die gewaltigen Wellen richteten an der Anlegestelle Reichenau schwere Schäden an. Das Wasser des Bodensees wurde nach Osten gedrückt, und erreichte einen Pegelstand von 5,29m (Pegel Steckborn). Am 28. Juni wurden am Pegel Konstanz 5,41m gemessen.
Während der Wasserstand im Konstanzer Hafen nur die Kante der Hafenmole erreichte, wurde die Zufahrt zur Insel Reichenau komplett gesperrt. Eine Kompanie französischer Pioniere aus Breisach wurde auf die Reichenau verlegt. Diese richteten mit Pontons eine Autofähre zwischen Reichenau-Herrenbruck und Allensbach ein. Das Zeltlager der Pioniere befand sich auf der Insel im Gewann Sandseele. Auf dem Fahrdamm zur Insel machten in dieser Zeit Freizeitkapitäne ihre Jachten im Schatten der Pappeln fest. Dieses Hochwasser 1965 nahmen die Behörden zum Anlaß, die Fahrstraße des Inseldamms zu erhöhen, und parallel dazu einen Fahrradweg als gleichzeitige Notstraße zu errichten.
1910
Als am 27. Juni der Pegelstand des Bodensees 5,52m erreichte, befürchteten die Menschen ein erneutes Unglück wie 1890. Das Wasser war am „Schwanenteich“ über die Ufer getreten. Ebenso waren die Hafenmole, die Gleise des Güterbahnhofs, und das Gewann „Klein Venedig“ bis zum Schweizer Zoll überflutet. Die Dampfschiffe konnten nicht mehr mit Kohle und Ladung versorgt werden. Im Tägermoos waren alle Felder überflutet, ebenso die im Stadtteil Paradies, wo das Grundwasser auch die Keller vollaufen ließ. Daß keine größeren Schäden entstanden sind ist dem Umstand zu verdanken, daß der Bodensee in dieser Zeit von keinen heftigen Gewitterstürmen heimgesucht wurde. „Die kolossalen Wassermassen verliehen dem See ein imposantes Aussehen, das gestern den ganzen Tag Schaulustige anzog“, berichtete die Konstanzer Zeitung am 28.06.1910.
1890
Erst im Spätsommer 1890 erlebte Konstanz das zweithöchste Hochwasser des 19. Jahrhunderts. Am 4. September erreichte der Pegelstand nach anhaltenden Regenfällen die Marke 5,84m. Das Wasser überflutete den Stadtgarten, der mit Gondeln befahren werden konnte, die Eisenbahnschienen im Bahnhof, die Seestraße, die Spanierstraße. Im Stadtteil Paradies mußte das Vieh aus den Ställen genommen werden. Die Straße nach Gottlieben war unpassierbar. Die Felder im Tägermoos konnten nur per Ruderboot abgeerntet werden. Am Abend dieses 4. September richtete zudem ein schwerer Oststurm durch die hohen Wellen schwere Schäden an. Die hölzernen Seebadeanstalten wurde zum Teil zerstört. „. . . es ist ein trauriger Anblick“, schrieb die Konstanzer Zeitung. Von drei Seiten vom Wasser umgeben, hatte Konstanz den Status einer Halbinsel. Erstmals in der Geschichte wurde diese Naturkatastrophe fotografisch festgehalten. Die per Plattenkamera aufgenommen Bilder von Eugen Wolf (*27.01.1865 – +14.06.1939, Großherzoglich Badischer Hofphotograph), konnte man damals in seinem Schaufenster, und heute im Stadtarchiv ansehen.
1817
Einer Naturkatastrophe der besonderen Art, hatte Konstanz das Hochwasser in diesem Jahr zu verdanken. Mit einer gewaltigen Explosion brach am 10. – 15. April 1815, auf der Insel Sumbawa (Indonesien) der Vulkan Tambora aus. Das durch die Eruption in die Atmosphäre ausgeworfene Material bewirkte globale Klimaveränderungen, die aufgrund der Auswirkungen auf die Nordhalbkugel der Erde, dem europäischen Wetter im Jahr 1816 die Bezeichnung „Jahr ohne Sommer“ einbrachte. Am Bodensee kam es 1816 durch anhaltende Regen- und Schneefälle zu Mißernten. Dazu noch eine erhöhte Sterblichkeit unter Nutztieren, die zur schlimmsten Hungersnot des 19. Jahrhunderts am Bodensee und in der Schweiz führte.
Im Frühling 1817 floß dann reichlich Schmelzwasser in den ehe schon angefüllten Bodensee, und brachten ihn zum Überlaufen.
Konstanz hatte damals noch die spätmittelalterlichen Bebauungen an Häusern und im Straßenniveau. Im Westen der Stadt überflutete das Wasser das Tägermoos bis zur heutigen SBB-Bahnlinie und der heutigen Brauneggerstraße. Im Osten der Altstadt kam das Wasser über das Raueneck bis in die Neugasse. Das Grundwasser konnte nicht mehr abfließen, dafür füllte es die Kellergewölbe. Die Altstadt von Konstanz befand sich auf einer echten Halbinsel. Durch das Dammtor am Hafen konnten Schiffe auf die Marktstätte bis in die Höhe des heutigen Müller-Marktes (damals Großherzoglich Badisches Postamt) fahren. Entlang der Häuser an der Marktstätte wurden hölzerne Stege errichtet. Das Hotel „Goldener Adler“ hatte seinen eigenen Schiffsanlegesteg vor der Haustür. Am 7. Juli 1817 legte das Postschiff aus Meersburg an der Marktstätte 666 (heute Nr. 16), mit 30 Passagieren und 20 Zentner Ladung an. Die Wasserhöhe hatte an diesem Tag einen Höchststand von 6,36m. Der Maler Nikolaus Hug hat dieses Wasserereignis auf seinen Bilder verewigt.
Weiter zurückliegende Hochwasser am Bodensee
Weitere Hochwasser waren 1343, 1511, 1566, 1659, 1739, 1770, und 1633. Im September 1633 belagerten im 30jährigen Krieg die Schweden vom Raueneck her die Stadt Konstanz. Nach einem Gelübde der Konstanzer setzte anhaltender Regen ein. Das Wasser des Bodensees stieg und stieg. Es überfüllte den Stadtgraben, und schließlich die Laufgräben der Schweden, so daß diese nach vier Wochen die Belagerung erfolglos abbrechen mußten, und sich nach Norden zurückzogen. So hatte ein Hochwasser auch einmal einen Nutzen. Zum Dank errichteten die Konstanzer 1638 die Lorettokapelle auf dem Staader Berg.
Quellen:
Erich u. Herbert Hofmann, Konstanz, alte Stadt in alten Bildern S. 102 u. 103. Verlag Friedrich Stadler 1978.
Josef Laible, Geschichte der Stadt Konstanz (Laible Chronik), S.153 u. S.244. Verlag Ackermann 1921.
Gert Zang, Geschichte der Stadt Konstanz Band 4.2, S.153 u. S.305. Verlag Friedrich Stadler 1994.
Gert Zang, Geschichte der Stadt Konstanz Band 4.1, S.27. Verlag Friedrich Stadler 1994.
Eigenes Erleben des Verfassers 1965 u. 1999.
Südkurier-Berichte 1965 u. 1999.
Anhang:
Private Fotos Friedrich Kratzer vom überfluteten Damm zur Insel Reichenau 1965.
Aktuelles Foto: Landesteg Konzil Konstanz 2024, Dorothea Wuttke












