Wessen Opfer erinnern wir – und wessen vergessen wir?

von Gordon Hügel

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Der im Südkurier erschienene Artikel über die geplanten Gedenkstelen für die Opfer von Zwangssterilisationen in Konstanz greift ein wichtiges und lange vernachlässigtes Kapitel der NS-Verbrechen auf. Die öffentliche Erinnerung an diese Opfer ist notwendig und verdient Aufmerksamkeit. Gleichzeitig wirft das Projekt grundsätzliche Fragen zur Ausgewogenheit der lokalen Gedenkkultur auf.

Während neue, sichtbare und medial begleitete Formen des Erinnerns entstehen, geraten andere Erinnerungsorte zunehmend aus dem Blickfeld. Besonders auffällig ist dies im Vergleich zu den Kriegsgräbern auf dem Konstanzer Hauptfriedhof. Dort befinden sich die Ruhestätten zahlreicher Gefallener des Zweiten Weltkriegs, darunter auch Wehrmachtssoldaten. Viele dieser Gräber wirken ungepflegt, wenig präsent und kaum in die öffentliche Erinnerung eingebunden.

Diese Gegenüberstellung drängt sich auf: Für bestimmte Opfergruppen werden neue Mahnmale errichtet, während bestehende Gedenkorte offenbar an Bedeutung verlieren. Das erweckt den Eindruck, dass Erinnerungsarbeit zunehmend danach bewertet wird, wie gut sie in aktuelle gesellschaftliche und politische Diskurse passt. Formen der Erinnerung, die eindeutig als moralisch konsensfähig gelten, erfahren Unterstützung und Sichtbarkeit. Andere, historisch komplexere Erinnerungsorte – etwa Kriegsgräber, die auch Soldaten einschließen – erscheinen hingegen weniger „salonfähig“.

Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung am Volkstrauertag. In Konstanz nimmt das öffentliche Interesse an diesem wichtigen Gedenktag seit Jahren spürbar ab. Die Besucherzahlen bei den offiziellen Veranstaltungen sind erschreckend gering. Umso befremdlicher ist es, dass gerade dieser Tag, der ausdrücklich dem Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewalt sowie dem Einsatz für Frieden gewidmet ist, kaum wahrgenommen wird – selbst von den zahlreichen Friedensorganisationen und Initiativen in der Stadt.

Dabei sollte Erinnerungskultur nicht selektiv sein. Auch Wehrmachtssoldaten waren häufig junge Männer, die in einem verbrecherischen System dienten, ohne dieses selbst gestaltet zu haben. Ihr Tod und ihr Schicksal verdienen eine würdige, sachliche und gepflegte Erinnerung, ohne Verherrlichung, aber auch ohne Verdrängung.

Eine lebendige und verantwortungsvolle Gedenkkultur muss Widersprüche aushalten und historische Ambivalenzen zulassen. Sie darf nicht danach unterscheiden, welche Opfer politisch anschlussfähig sind und welche nicht. Gerade Städte wie Konstanz, die sich ihrer Geschichte stellen wollen, sollten darauf achten, dass neues Erinnern nicht auf Kosten bestehender Gedenkorte geschieht.

Erinnerung darf kein Wettbewerb sein, sondern sollte der Mahnung zum Frieden und der gesamten historischen Verantwortung dienen.

Angesagt