Kritischer Kommentar: Solidarität ja – aber zu welchem Preis und mit welcher Konsequenz?

Städtepartnerschaft mit der Ukraine?

von Gordon Hügel

Die Idee, die Solidaritätspartnerschaft mit Berdytschiw zu einer offiziellen Städtepartnerschaft auszubauen, klingt zunächst edel. Wer möchte schon gegen mehr Unterstützung für eine ukrainische Stadt sein, die seit über zwei Jahren unter russischen Angriffen leidet? Doch während manche Stadträte euphorisch von einem „neuen Kapitel“ sprechen, stellt sich die nüchterne Frage: Kann Konstanz sich diesen Schritt überhaupt leisten?

Die Stadt hat bereits bemerkenswerte Hilfe geleistet – Blockheizkraftwerke, Tiefbrunnenpumpen, ein Feuerwehrfahrzeug, Jugendprojekte. Das ist vorbildlich. Aber der Haushalt der Stadt ist nicht einfach angespannt – er ist problematisch. Gleichzeitig warnt die Verwaltung selbst davor, dass aus einer symbolischen Geste schnell eine dauerhafte finanzielle Verpflichtung entstehen könnte. Offiziell heißt es zwar, es gäbe „umfangreiche Fördermittel“. Doch jeder, der kommunale Politik kennt, weiß: Fördermittel decken selten alles ab – und am Ende bleiben die Folgekosten oft bei der Kommune hängen.

Noch bemerkenswerter wird die Debatte, wenn man ihren moralischen Unterbau betrachtet. Wird hier wirklich aus Solidarität gehandelt – oder spielt auch der politische Glanz einer „Kriegssolidarität“ eine Rolle, die sich medial leicht inszenieren lässt? Und warum wird die moralische Dringlichkeit in anderen Fällen nicht einmal erwähnt?

Denn weltweit gibt es Kriegs- und Krisengebiete, die ebenso brutal getroffen sind:

  • Jemen: Seit Jahren ein zerstörerischer Bürgerkrieg, Millionen hungern – kaum ein deutsches Rathaus zeigt langfristige Solidarität.
  • Sudan: Ein blutiger Konflikt, Hunderttausende auf der Flucht – keine Städtepartnerschaften, keine Delegationen.
  • Syrien: Noch immer bombardierte Regionen, Millionen Vertriebene, aber kaum kommunale Hilfeprogramme.
  • Demokratische Republik Kongo: Ein Krieg, der seit Jahrzehnten wütet – aber politisch fern genug, um ignoriert zu werden.

Warum also dieser selektive Blick? Solidarität darf nicht davon abhängen, wo Kameras hinzeigen oder wo politische Punkte gesammelt werden können.

Noch wichtiger ist jedoch die Frage, die in Konstanz kaum gestellt wird:
Wie solidarisch ist die Stadt eigentlich mit ihren eigenen Bürgerinnen und Bürgern?

Während über neue Partnerschaften diskutiert wird, kämpfen viele Konstanzer mit explodierenden Mieten, hohen Lebenshaltungskosten und einer Infrastruktur, die an ihre Grenzen kommt. Familien, Rentner und Alleinerziehende stehen finanziell oft mit dem Rücken zur Wand – doch für sie gibt es keine Delegationen, keine feierlichen Ratsbeschlüsse und keine hundertprozentigen Fördermittel.

Provokante Schlussfrage:

Wie glaubwürdig ist internationale Solidarität, wenn viele Menschen in Konstanz selbst nicht wissen, wie sie ihre nächste Nebenkostenabrechnung bezahlen sollen?

Angesagt