von Ulrike Guérot

Intro (von u-kn):
Die bundesweit bekannte deutsche Politikwissenschaftlerin und Publizistin Ulrike Guérot“ ist auch Mitglied des Kuratoriums des Konzil Preises der Stadt Konstanz und Autorin auf „Unser Konstanz“.
Am 30.09.2025 hat das Landesarbeitsgericht Köln ihre Kündigung von der Universität Bonn validiert. Ulrike Guérot selbst schreibt hierzu in ihrem Newsletter von Oktober 2025: „ Ich hatte wirklich gehofft und gedacht, dass der Richter am Landesarbeitsgericht Köln die „Causa Guérot“ wieder zu dem zurückführt, was es eigentlich einmal war: eine Mücke. Ein paar lächerliche Zitationsfehler in einem, nicht-wissenschaftlichen alten Buch. Eigentlich kann das (fast) jeder unschwer erkennen, der genauer hinschaut…. nur eben die Gerichte scheinbar nicht, deren Aufgabe es doch genau das gewesen wäre, nämlich eine öffentliche und mediale Vorverurteilung auf das zurückzuführen, was das Recht sagt, in diesem Fall das Arbeitsrecht. Wer sich hier weiter für die unsägliche „Causa Guérot“ erkundigen möchte, findet auf meiner Webseite unter „Causa Guérot“ weitere Artikel über das Urteil.
www.ulrike-guerot.de/ueber-mich/die-causa-guerot
Ein Spaziergang durch die Republik
Ich habe gestritten und argumentiert – über Klima, Abtreibung, Migration, die Nation oder den Krieg – und immer etwas dazugelernt, vor allen Dingen andere Ansichten. Das Gleiche habe ich, wann immer es ging, mit Migranten, Pennern und Obdachlosen gemacht, die Berliner S-Bahn bietet sich an, es sind alles sehr dankbare Gesprächspartner. Manchmal war ich überrascht, welcher Zahnlose mit Lidl-Tüte oder Busfahrer oder Taxifahrer oder Schaffner mich erkannte. Ich habe viele Bürger kennengelernt, die ich ohne diese ganzen Ereignisse nie getroffen hätte, und bin froh darüber, denn jetzt weiß ich mehr über dieses Land und seine Leute, vor allem über ihre Gedanken und Sorgen. Zum Beispiel über die Nöte der Mitarbeiter vom sogenannten Job-Center, denen für ein Beratungsgespräch offiziell ganze 30 Minuten bewilligt werden. All diese Bürger, jung wie alt, machen keine CumEx-Geschäfte, haben keine Masken-Skandale oder Graichen-Affären zu verantworten, haben keine Panama-Papers und bedienen sich nicht schamlos in Millionenhöhe an fragwürdigen Investitionsfördertöpfen aus dem Wirtschaftsministerium für irgendwelche Start-ups, die sie dann in den Sand setzen – was inzwischen eine Art »Geschäftsmodell« für Kinder aus besserem Haus zu sein scheint. Denn natürlich muss das Geld nicht zurückgezahlt werden. Der Fisch stinkt immer vom Kopf , sagt man.
Vor allem habe ich endlich, endlich einmal den deutschen Osten kennengelernt und dort fast überall engagierte Bürger getroffen, die noch einen ganz anderen Begriff von bürgerlichem Engagement haben, oft mehr als die Leute im Westen. Der deutsche Osten scheint mir heute die Herzkammer der Republik zu sein, da, wo nicht denunziert wird, da, wo man Spitzel-Methoden schon kennt, da, wo der Sozialismus – wie schlecht auch immer er war – noch residuale Formen von Gemeinschaft und sozialer Sorge hinterlassen hat, die mir in dieser Form im Westen seit langem nicht mehr begegnet sind. In Erfurt, Weimar, Halle oder Dresden scheint die Welt noch halbwegs in Ordnung, jedenfalls mehr als in Recklinghausen oder Frankfurt am Main.
Das bestätigen auch die Erfahrungsberichte, die Claus M. Wohlschlag 2024 in einem wunderbaren Buch versammelt hat: Meinung, Pranger, Konsequenzen. Zweiundzwanzig Fälle . In einem dazu kursierenden Video-Short äußert sich Michael Beleites dazu wie folgt: »Es gab auch in der DDR inszenierte Verleumdung, aber es gab nur ganz wenige, die das geglaubt haben, und noch viel weniger, die das von sich aus verstärkt und noch einen draufgesetzt haben. Heute ist es die Mehrheit, die es glaubt, wenn einer denunziert wird, die das noch verstärkt und von sich aus einen draufsetzt.« Es ist der entscheidende Unterschied zwischen der Bundesrepublik und der DDR, dass die Bürger in der DDR wussten, dass sie politisch belogen wurden, während die meisten in der (alten) Bundesrepublik Deutschland dachten oder denken, das könne ihnen nie passieren!
Selten galt Aischylos so sehr wie in der besten Bundesrepublik aller Zeiten: Es ist des Menschen Charakter, den der fällt, noch zu treten. Allen selbsternannten Moralisten, Besserwissern, Guten , Wahrheitswächtern, Trollen, Plagiatsjägern, Denunzianten & Fakten-Checkern rufe ich daher zu: Wer in diesem Buch akribisch Fehler sucht, wird welche finden. 2 Wer die Dinge anders sieht, darf das gerne tun. Verleumdet mich! Stellt mich bloß! Es ist mir egal! Aber bedenkt bitte in eurer Tadellosigkeit die drei Finger, die auf euch zurückzeigen. Dieses Buch ist mein freistes Buch, denn ich habe, wie die großartige Janice Joplin damals gesungen hat, nicht mehr viel zu verlieren, nothing left to lose . Ich habe in den Jahren ab 2022 nach zwei Büchern, die irgendwie nicht sein durften, gelernt, dass Geld nicht wichtig ist und man für Geld seine Wahrhaftigkeit und Würde niemals aufs Spiel setzen sollte. Ich habe gelernt, auf die Meinungen anderer über meine Person zu pfeifen. Es waren viele, sehr viele, die in den vergangenen Jahren wieder und wieder irgendein Stückchen aus meinem Leben hervorgekramt haben, um sich per Fingerzeig daran zu ergötzen.
In jenen Jahren haben mich die Niedertracht und Bösartigkeit im Internet überrascht – und angestrengt. Ich habe mit Erstaunen vermerkt, welche Nichtigkeiten auf einmal auf meinem Wikipedia-Account zu lesen waren, sogar über meine Familie. Lange Monate konnte oder musste ich beobachten, wie Trolle mich verfolgten (bald kannte ich die einschlägigen Account-Namen auf X oder LinkedIn), über lange Zeit wurde jedes Posting von mir in Sekundenschnelle hämisch kommentiert. Ich habe aufgegeben mich zu fragen, ob diese Personen damit beauftragt waren (und wenn ja, von wem und warum?) oder ob es KI-gesteuerte Bots waren: Es hat inzwischen aufgehört und es fühlt sich so an, als ob kläffende Kampfhunde endlich von meiner Wade abgelassen haben. Uff!
Diese Formen der bewussten, emotionalen Spaltung von Bürgern haben offenbar nur die Funktion einer Ablenkung vom Eigentlichen und die Verhinderung von Solidarisierung jeder Art.
(Buchauszug aus „ZEITENWENDEN“ von Ulrike Guérot. Mit freundlicher Genehmigung des Westendverlages)
Siehe auch:
Buchvorstellung: Zeiten Wenden
von Ulrike Guérot Europa steht an einer historischen Schwelle.In ZeitenWenden seziert Ulrike Guérot den geistigen, politischen und gesellschaftlichen Zerfall unserer Zeit. Mutig und unerschrocken legt sie offen, wie Demokratien zerbröckeln, Freiheit preisgegeben und Europa in Kriegsrhetorik erstickt wird. Guérot schreibt gegen das Vergessen, das Wegsehen und die Lüge – und für die Rückbesinnung auf Vernunft,…




