von Claus-Dieter Hirt
Intro:
Im Juli dieses Jahres feierte Tim Miller seinen ersten Gottesdienst als Priester in seiner Heimatgemeinde Waldburg in Oberschwaben. Es war die erste Primiz in Waldburg, seit 90 Jahren. Wir meinen, es gehört Mut dazu, sich in einer zusehends säkularen und dem Fetisch des Konsums untergeordneten Gesellschaft für den Priesterberuf zu entscheiden. Daher haben wir Tim Miller für ein angefragt. Nachstehend unser Exklusivinterview mit dem 31-jährigen:

1) Priester sollen heiraten dürfen, so wird der Bischof von Speyer, Wiedemann, in einem Interview von September dieses Jahres zitiert. https://www.tagesschau.de/inland/kirche-diskussion zoelibat-bischof-100.html. Der neue Papst setzt Reformbewegungen aktuell erst mal ein Ende. War es nicht immer so in der Geschichte der Kirche, denken wir nur an die Abspaltung der Anglikanischen Kirche, dass Entwicklungen in der einen oder anderen Region oder Nation einfach unterschiedlich sind. Sprich: wäre es nicht zeitgemäß und sinnvoll, in Deutschland und Europas die Heirat zuzulassen und den anderen Ländern selbstverständlich zu überlassen, weiterhin in Ehelosigkeit und sexueller Enthaltsamkeit zu leben?
„Zeitgemäße“ Lösungen sind mir in Bezug auf meinen Glauben fremd. Religiöses Empfinden soll und kann sich nicht danach richten, was scheinbar der Zeit gemäß ist. Vielmehr ist es von entscheidender Bedeutung, sachgemäße, theologische und vor allem geistliche Antworten auf Herausforderungen wie den schwindenden Priesternachwuchs zu finden. Auch mit Begriffen wie „Pflichtzölibat“ tue ich mich schwer. Jeder junge Mann, der den Wunsch verspürt, katholischer Priester zu werden, weiß, worauf er sich einlässt. Dies als Pflicht zu bezeichnen, ist im Grunde so, als würde man von einer Zwangsmonogamie reden, obwohl den Brautleuten in der Regel klar ist, dass es sich bei der katholischen Ehe um eine exklusive Beziehung handeln wird. Ich habe mich in vollem Bewusstsein und in einer persönlichen Freiwilligkeit für die Ehelosigkeit entschieden – und nicht gegen etwas! Dieses Versprechen „um des Himmelreiches willen“, wie es in der Weiheliturgie heißt, bedeutet freilich den Verzicht auf ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Ich bin mir sicher, dass der Wert dessen in unserer schnelllebigen Zeit nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Jede Berufung ist ein Geschenk! Ich halte darum nichts davon, auf diesen wichtigen Bestandteil des Priestertums zu verzichten oder ihn zur beliebigen Disposition zu stellen.
2) In einem Interview sagten Sie, dass die Beschäftigung mit ihrem kirchenhistorischen Roman den späteren Weg zu ihrem heutigen Beruf geebnet habe. Wir würden Sie ihre Berufung beschreiben? Wollen Sie uns den link zu ihrem Werk senden?
Ich bin über viele Jahre langsam der Frage nach dem priesterlichen Dienst nachgegangen. So konnte mein Entschluss organisch wachsen und sich frei entfalten. Auf diesem Weg bin ich vielen Menschen, insbesondere Priestern, begegnet, die mich begeistert und mir neue Horizonte des geistlichen Lebens eröffnet haben. Auch meine zwei kirchenhistorischen Kriminalromane haben dabei sicher eine Rolle gespielt. Vor alledem ist die Berufung zum Priester aber natürlich vor der persönlichen Christusbeziehung zu betrachten, ohne die der Dienst leer bleibt. Begleitet hat mich über all die Jahre ein Zitat von Joseph Ratzinger aus seiner „Einführung in das Christentum“ (1968): „Sinn, der selbst gemacht ist, ist im Letzten gar kein Sinn. Sinn, das heißt, der Boden, worauf unsere Existenz als Ganze stehen und leben kann, kann nicht gemacht, sondern nur empfangen werden.“ Auch über mancherlei Herausforderungen auf dem Weg durfte ich erfahren, dass dieser Sinn keine abstrakte Theorie bleibt, sondern menschliche Gestalt in der Person Jesu Christi annimmt. Er ist Schenker und Inhalt dieses Sinns zugleich. Wer die tiefe Bekanntschaft mit Christus in den Sakramenten der katholischen Kirche erfährt, kann nicht zu Hause auf dem Sofa sitzen bleiben, sondern muss sich zwangsläufig auf den Weg machen, um ihm nachzufolgen. Dieses Geschenk wird mir bis heute zuteil.
3) Gemäß KI wurden 2025 neben Ihnen nur weitere 28 Männer in Deutschland zu Priestern geweiht, ein offensichtlich historischer Tiefpunkt bei ca. 20 Mio Mitgliedern der kath. Kirche in Deutschland. Wie würden oder wollen Sie weitere Männer und Frauen überregional für den geistlichen Beruf begeistern? Muss es nicht eine Berufung für Sie sein, überregional zu wirken, diesen Beruf zu erhalten?
Ohne den priesterlichen Dienst gibt es keine katholische Kirche. Eine Woche vor meiner Priesterweihe hat ein 92-jähriger Pfarrer, den ich sehr schätze, in einer Predigt gesagt: „Der Priester ist dafür verantwortlich, dass das Ewige Licht nicht erlischt und der Taufbrunnen nicht austrocknet.“ Es ist daher eine existentielle Aufgabe unserer katholischen Kirche, den priesterlichen Dienst als unersetzlich hervorzuheben. Ohne den Priester bleiben der Tisch des Brotes ungedeckt, die Kinder ungetauft, die Kranken ungesalbt und die Sünder ohne Orientierung. Zugleich gilt: Der Priester handelt nie aus sich selbst heraus! Der einzige Hohepriester, der im sakramentalen Vollzug wirkt, ist Christus selbst. Das verpflichtet und entlastet zugleich. So bin ich nie derjenige, auf den es letztlich ankommt. Gott braucht mich nicht – er vermag seinen Heilsplan auch ohne mich zu verwirklichen. Und doch stelle ich mich und mein Leben mit Haut und Haar in den Dienst unseres Gottes. Daher sollte es jedem Priester ein Herzensanliegen sein, seinen Dienst frohen Mutes und mit Freude zu tun – als lebendiges Zeugnis für dieses Geschenk. Wo dies geschieht, wirbt jeder Priester für den priesterlichen Dienst in der katholischen (allumfassenden) Kirche. Und diese Kirche ist immer überregional, da sie nicht unsere, sondern die Kirche Jesu Christi ist.
4) zumindest in größeren Städten sind Priester, Pastoren, Geistliche generell immer weniger auf der VIP Liste öffentlicher Einrichtungen, als noch vor Jahren. Dies unabhängig von der Religion. Laizismus ist angesagt, auch in der C-Partei. Wie wollen Sie dem entgegentreten?
Ich mache mir viele Gedanken über die Zukunft der katholischen Kirche. Ob Geistliche jedoch auf VIP-Listen öffentlicher Einrichtungen stehen, hat mich bisher noch nicht bewegt. Priester sind keine VIPs, sondern Arbeiter im Weinberg des Herrn. Der christliche Glaube tritt außerdem nichts und niemandem entgegen, sondern er ist zunächst eine positive Option – die Einladung, Gott jedem Menschen nahe zu bringen, der sich dafür öffnet.
Darin sehe ich die Grundaufgabe der katholischen Kirche und jedes Priesters. Diese Verbindung zwischen Gott und Mensch geschieht auf unübertreffliche Weise in unseren Sakramenten: in Taufe, Eucharistie, Beichte und allen anderen Zeichen der göttlichen Gnade. Daher ist der Rückgang des christlichen Glaubens in Deutschland zwar bedauerlich (obschon dieser in weiten Teilen meines Eindrucks nach selbst verschuldet ist). Dennoch sollten wir uns nicht der Illusion hingeben, dass volle Kirchen und ein durchchristianisiertes Land der Normalzustand wären. In der kirchengeschichtlichen Rückschau – insbesondere zu Beginn der frühen Kirche – war der katholische Glaube nie Mehrheitsmeinung, sondern stets „nur“ das Salz der Erde.




