Eine kulinarische Zeitreise: Schlemmen wie in der Steinzeit!

von Dr. Cornelia Mallebrein

In Dingelsdorf wird die Uhr um Tausende von Jahren zurückgedreht.

Wie haben sich die Steinzeitmenschen im Neolithikum ernährt? Wie wurde gekocht und mit welchen Zutaten?

Die Paleo-Ernährung ist derzeit sehr beliebt, da sie als besonders gesund gilt.  Der Pfahlbauverein Dingelsdorf e.V. hat sich ein spannendes Experiment ausgedacht. Er lädt zum Steinzeitdinner ein. Das Essen wird mit Rohstoffen aus Wald und Feld zubereitet, wie sie den Menschen in den Pfahlbausiedlungen vor 6.000 Jahren zur Verfügung standen – allerdings wird es kulinarisch verfeinert. Es ist ein Gourmet-Dinner der besonderen Art! Alles klingt wie ein Fürstenmahl! 

So wird ein schmackhafter Eintopf aus Emmer, Dinkel, Hirse, Bohnen, Erbsen, Rauchfleisch und Gemüse angeboten, der in rekonstruierten Tontöpfen über dem offenen Feuer gekocht wird. Dazu wird ein Spieß mit Rehrücken und Wildschwein über dem offenen Feuer gegrillt. Zum Abschluss gibt es ein Dessert aus Waldfrüchten.

Wir wollten es probieren und haben uns angemeldet. Der Speiseplan klingt doch sehr verlockend!

Um 15 Uhr beginnt das Event vor dem Rathaus in Dingelsdorf. Die vierköpfige „Steinzeitcrew“, alles Experten auf diesem Gebiet, hatte sich um Herbert Gieß, den „Steinzeitkoch“, versammelt. Sie hatten schon alles liebevoll vorbereitet. Die Tische (wir waren 22 Teilnehmer) waren im Herbstdesign gedeckt und geschmückt. Natürlich gab es nur Holzlöffel und Eßschalen! Auf einem großen Arbeitstisch war alles für die Zubereitung der leckeren Speisen vorbereitet, so Spieße mit Rehrücken und Wildschwein, die über Nacht mariniert waren. Auch die umfangreichen restlichen Zutaten wie Getreidevarianten und Gemüsesorten waren geschnitten, ebenso die frischen Früchte vom Wald und der leckere Honig in den Bienenwaben.

Zwei Feuerstellen loderten bereits, auf denen in zwei Tontöpfen, die im Stil der Steinzeitfunde gebrannt wurden, gekocht werden sollte.

Doch zuvor sollten wir selbst Hand anlegen! Die Kräuterexpertin Frau Sabine Bruder-Stoll führte uns in die Welt der Wildkräuter ein. Sie war auf die Suche gegangen und hatte allerlei Kräuter im Wald und auf den Wiesen gesammelt. Jedes Kraut wurde im Detail erklärt, sowohl die Geschmackskomponenten wie auch die gesundheitlichen Aspekte. Es ist großartig, was man alles essen kann – aber man muss es erst einmal erklärt bekommen! Acht Messer mit Feuersteinklingen standen bereit. Es war kaum zu glauben, wie gut sie geschnitten haben. Wir fühlten uns wie in der Steinzeit.

Ein Teil der Gruppe erhielt in der Zwischenzeit eine hervorragende Einführung in die kleine, aber feine Ausstellung zu den Pfahlbauten in Dingelsdorf. Die Historikerin Dr. Elisabeth von Gleichenstein führte uns durch die verschiedenen Zeiträume. Es ist kaum zu glauben, dass in Dingelsdorf und Umgebung schon 6000 v. Chr. nomadisierende Jäger und Sammler gelebt haben. Die beiden Ausstellungsräume im Rathaus sind sehr informativ und anschaulich gestaltet. Man merkt, dass hier Profis am Werk waren. Auf großen Tafeln sind die Routen mit den Handelsbeziehungen zu sehen. Landkarten, Zeittafeln und eine Einführung in die Bronzezeit erklären die ausgestellten Artefakte.

Es war der engagierte Sammler und Forscher Herbert Gieß, der seit seinem sechsten Lebensjahr unermüdlich auf der Suche nach Relikten aus der Steinzeit am Ufer und im See unterwegs war. Er fand Schätze von größtem historischem Wert, die eine ganz neue Sicht auf die Siedlungsgeschichte im Raum Dingelsdorf und Umgebung ermöglichen. Das Museum existiert seit 2011, im gleichen Jahr wurden die prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen zum UNESCO-Welterbe ernannt.  

Noch mit einem Fuß in der Steinzeit holte uns die Gegenwart wieder ein. Jetzt begann die kulinarische Zeitreise. Herbert Gieß und sein Kochgehilfe Werner Bosch gaben bekannt, dass der Eintopf und die Fleischspieße zur kulinarischen Erbauung bereitstünden. Wir machten uns mit Tonschalen im Stil der Steinzeitmenschen auf den Weg ans Feuer. 

Das Dinner war ein Hochgenuss! Alles schmeckte köstlich, der Rehrücken war butterzart. Wir hatten das Menü um Fischfilet erweitert, das ebenfalls hervorragend über dem Feuer gebraten war. Der Eintopf aus Getreide und Gemüse war sehr würzig und nahrhaft. Zum Schluss wurden wir mit einem Dessert verwöhnt: eine Speise aus Quark, frischen und getrockneten Früchten, verfeinert mit reinem Honig in der Wabe. Herbert Geiß ist Imker und weiß, welcher Honig der Beste ist. Für uns hatte er außerdem Steinzeitkekse gebacken. Sie waren köstlich und enthielten nur gesunde Zutaten.

Doch was haben die Steinzeitmenschen getrunken? Natürlich gab es ein Steinzeittrunk „Pfahlbauer-Bier“, das eigens für das Dinner von der Ruppaner-Brauerei hergestellt wurde und ein Etikett erhielt. Es passte wunderbar zu den einzelnen Speisen. Wer wollte, konnte auch Wein bekommen.

Das Steinzeitdinner war ein großartiges Event. Wir haben nicht nur viel gelernt, sondern auch steinzeitgemäß geschlemmt und uns wie Steinzeitmenschen gefühlt.

Ein derartiges Event erweckt trockene, tausendjährige Geschichte zum Leben – eine kulinarische Metamorphose.

Ein herzliches Dankeschön geht an die Initiatoren der Veranstaltung, Herbert Gieß, Frau von Gleichenstein, Frau Sabine Bruder-Stoll und Herr Werner Bosch.

Das Steinzeitdinner wird mehrmals im Jahr öffentlich angeboten, aber auch auf persönlichen Wunsch von Gruppen.

Wir von der Deutsch-Indischen Gesellschaft Bodensee e. V. haben uns auf die Zeitreise begeben und waren begeistert. Dr. Cornelia Mallebrein, 1. Vorsitzende (www.dig-bodensee.com)

Infos:
Pfahlbauausstellung im Rathaus, Rathausplatz 1, 78465 Konstanz. http://www.pfahlbau-dingelsdorf.de . Anmeldungen unter:  info@pfahlbau-dingelsdorf.de

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