Das soziale Projekt der Deutsch-Indischen Gesellschaft Bodensee e.V. in Indien
von Dr. Cornelia Mallebrein
Schon immer war es ein Anliegen der Deutsch-Indische Gesellschaft e.V. und ihrer heute 25 Zweigstellen in Indien Hilfsprojekte zu unterstützen – eine bis heute gepflegte lange Tradition.
Die meisten Zweigstellen wurden in den 70er und 80er Jahren gegründet, so wurde die DIG-Bodensee e.V. 1973 ins Leben gerufen.
Es waren engagierte, mutige junge Inder, die sich – damals noch per Schiff – auf den Weg nach Deutschland machten, um dort Fuß zu fassen. Die meisten von ihnen heirateten später deutsche Frauen. Als der Verein der Deutsch-Indische Gesellschaft im Jahr 1953 in Stuttgart gegründet wurde, hatte Indien erst sechs Jahre zuvor die Unabhängigkeit erlangt. Das Interesse in Deutschland an indischer Kultur, Philosophie, Wirtschaft und Politik war groß. Es war der Wunsch der Gründer der vielen Zweigstellen, die Freundschaft zwischen Deutschland und Indien durch kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Austausch zu fördern. Einmal im Jahr traf man sich anlässlich der Jahreshauptversammlung zum gemeinsamen Austausch. Die DIG-Zweigstellen sahen sich als Bindeglied zwischen beiden Ländern, sie wollten Wissen über Indien in Deutschland vermitteln und eine kulturelle Brücke sein. Dazu gehörte es auch, dass man sich in Indien auf sozialem Gebiet engagiert. Für die Initiatoren der DIG-Zweigstellen war dies eine Herzensangelegenheit. Ihr Blick war geschärft für die Not im eigenen Land, sie wollten, zusammen mit ihren deutschen Freunden, aktiv etwas an ihre Heimat zurückgeben. In dieser Tradition sieht sich auch die DIG-Bodensee e.V., die von Prof. Dr. Purscha Bapat im Jahr 1973 gegründet wurde. Sie unterstützt den Förderverein Ashakiran e.V. „Strahlen der Hoffnung“.
Ashakiran wurde von Frau Dr. Cornelia Mallebrein im Jahr 2013 gegründet. Sie hat den Vorsitz der DIG-Bodensee 2004 von Prof. Dr. Purscha Bapat übernommen. Allerdings war sie schon seit 1991 in Indien sozial engagiert, aber nur in Form eines „Förderkreises Ashakiran“. Cornelia Mallebrein ist Indologin und Ethnologin. Im Jahr 1991kam sie zum ersten Mal in die abgelegene Region der damals schwer zugänglichen Kandhmal-Berge im Bundesstaat Odisha. Sie wohnte im kleinen Ort Balliguda im Rahmen ihrer Forschungen zur tribalen Kunst der Kondh-Adivasi. Überall sah sie die große Not. Zurück in Deutschland, begann sie zusammen mit Freunden die ersten Hilfsprojekte in der Region zu organisieren. Seit dieser Zeit fährt sie fast jährlich dorthin.
Inzwischen ist der Förderverein stetig gewachsen. Auf der Homepage finden Sie einen umfassenden Einblick in die verschiedenen Aktivitäten: www.ashakiran.de.Ziel von Ashakiran ist es, benachteiligten Kindern und Jugendlichen aus ärmsten Familien in den Kandhmals durch Bildung eine Zukunft zu schenken. Der Verein hilft vor allem Waisen- und Halbwaisen durch gezielten Nachhilfeunterricht, Ausbildungsprogramme, und vor allem mehrjährigen Studienstipendien. Nur durch eine zukunftsorientierte Ausbildung ist es möglich, den Kreislauf aus Armut und mangelndem Wissen zu durchbrechen.
Ashakairan versteht seine Unterstützung als Hilfe zur Selbsthilfe. Vor allem Mädchen stehen im Fokus der Förderung, sie sollen einen Beruf erlernen können, der Zukunftspotential hat. Um dies zu ermöglichen, vergibt der Verein Studienstipendien und hilft bei der Vermittlung von Ausbildungsstätten.
Die gegenwärtigen Projekte liegen in den Bundesstaaten Odisha und Andhra Pradesh. In Odisha ist der Projektpartner das Banabasi-Seva-Samiti-Zentrum in der Bergortschaft Balliguda. Dort leben gegenwärtig über 500 Kinder in verschiedenen Einrichtungen des Zentrums, das vor 55 Jahren von einem Mahatma Gandhi Verehrer gegründet wurde. Das Zentrum fühlt sich seinem sozialen Denken verpflichtet, Kinder, in Not zu helfen, ihnen Schutz zu gewähren, sie mit Nahrung zu versorgen, ihnen die Möglichkeit auf Bildung zu gewähren und sie medizinisch zu betreuen. Sie alle kommen aus schwierigsten Verhältnissen, die meisten haben ihre Eltern verloren. Viele sind Angehörige der ethnischen Gruppe der Kandh, manche auch Saora. Zum Zentrum gehört auch ein Wohnheim mit Schule für Blinde, Gehörlose und geistig behinderte Kinder.
Ashakiran hat ein sehr effizientes Netz an Mitarbeitern aufgebaut, das den jungen Stipendiaten bei allen Problemen hilft, so Dr. Benudhar Sutar (Projektkoordinator), der in Bhubaneswar alle Projekte steuert, organisiert und den Einsatz der Hilfsgelder koordiniert, dann Rohit Moharana (Jugendkoordinator), der vor Ort lebt und einen direkten Kontakt zu den Stipendiaten unterhält, ferner Pinki Nayak, die zusammen mit ihrem Team die Jugendlichen in allen Lebensfragen psychologisch betreut, motiviert und über wichtige Aspekte des Lebens aufklärt und informiert. Der Vorstand von Ashakiran arbeitet ehrenamtlich und besucht die Projekte jedes Jahr. Dieser umfassende Ansatz, der auch die Persönlichkeitsentwicklung einbezieht, hat dazu geführt, dass 70% der geförderten Jugendlichen den Weg ins Berufsleben schaffen. Die restlichen 30% sind vorwiegend Mädchen, die von der Familie gezwungen werden, nach Hause zu kommen, um die Familienangehörigen zu pflegen, auf den Feldern zu arbeiten, manchmal aber auch, einen Mann zu heiraten, der sehr viel älter ist, aber dafür bezahlt hat. Was die Stellung der Mädchen betrifft, so ist die Region noch sehr rückständig.
In den letzten fünf Jahren hat Ashakiran über 1250 Jugendliche in verschiedenen Bereichen gefördert, auch in der Coronazeit durch Online-Unterricht und Ausstattung mit Tablets. Gegenwärtig wird die berufliche Ausbildung von 70 Jugendlichen mit einem Stipendium an einer Berufsschule, einem staatlichen College bzw. Universität gefördert, mehr als de Hälfte sind Mädchen. An erster Stelle stehen die Berufsfelder Mechanik, Technik, Ingenieurswesen, Computerwissenschaften, aber auch der Lehrerberuf und das Hotelfach. Viele Stipendiaten stehen kurz vor ihrem Abschluss und damit vor dem Eintritt ins Berufsleben. Da Indien unter einer großen Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen leidet, hat nur derjenige eine berufliche Zukunft, der wirklich gut ausgebildet und engagiert ist. Das indische Schulsystem produziert eine rasant wachsende Zahl an Schulabsolventen, die Jahr für Jahr auf den Arbeitsmarkt drängen. Hinzu kommt die Demographie. Die Hälfte der indischen Bevölkerung ist jünger als 25 Jahre. Den jährlich etwa 13 Millionen Schulabsolventen und Schulabbrechern stehen nur etwa 3,5 Millionen Studien- und Ausbildungsplätze gegenüber. Seit 2019 werden jährlich acht Millionen Jobs benötigt, doch für die Regierung, trotz massiver Anstrengungen, ist diese Zahl nicht einzuhalten. Ohne gute Ausbildung ist die Chance auf einen existenzsichernden Arbeitsplatz nahezu aussichtslos und ein Leben in Armut und Ausbeutung vorprogrammiert.
Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen verweist auf den Umstand, dass gerade Kinder, die als erste in der Familie in die Schule gehen, es ungleich viel schwerer haben, da die Familie ihre Kinder nicht angemessen unterstützen oder motivieren kann.
Weshalb ist das Stipendienprogramm von Ashakiran so erfolgreich? Es sind die Jugendlichen selbst, die das Programm zum Erfolg bringen. Sie alle haben bitterste Armut gesehen, in ihrer Familie kann kaum ein Mitglied lesen und schreiben, Hunger war an der Tagesordnung, aber auch Ausbeutung und Arbeitslosigkeit. Ihr unerschütterlicher Motivator ist der große Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit, nach einem Beruf, nach einer Zukunft. Dafür arbeiten sie mit großem Enthusiasmus und mit großer Energie und Fleiss.
Gerne möchte ich stellvertretend drei junge Stipendiaten vorstellen, die es geschafft haben. Sie alle verbindet eines: eine traumatische Kindheit in Armut und Verzweiflung, vielfach ohne Eltern auf sich alleine gestellt. Schon als Kinder mussten sie die Verantwortung für die jüngeren Geschwister übernehmen. Fast alle sind in einem abgelegenen Dorf in den unzugänglichen Kandhmal-Bergen in Odisha aufgewachsen und sind Angehörige der Kondh-Adivasi. Diese sprechen ihre eigene Sprache Kui, ein drawidischer Dialekt, er hat nichts gemein mit der Landessprache Oriya. Die Kondh haben ihre eigene Religion und Gesellschaftsstrukturen, über tausende von Jahren waren sie ein Kosmos für sich.
Wenn man die jungen Stipendiaten heute sieht, mag man all dies nicht glauben: fröhlich, aufgeweckt, interessiert, engagiert und fleißig; voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Fließend in Oriya, weltoffen und mit beiden Beinen in der heutigen Zeit.










