Hierarchie und Differenz. Die indischen Kastensysteme im Wandel der Zeit

von Clemens Jürgenmeyer

Das System der indischen Kasten gilt gemeinhin als das markanteste Merkmal der indischen Gesellschaft, als grundlegende, exklusive Sozialstruktur des Hinduismus. Es wird behauptet, dass das Kastenwesen alle Hindus in eine rigide Hierarchie einbinde, die soziale Mobilität, persönliches Streben nach Leistung und Gewinn regelrecht unterbinde und jedem Einzelnen von Geburt an seinen Platz in der Gesellschaft unverrückbar zuweise. An der Spitze dieses uralten Systems throne der Brahmane (Priester), am untersten Ende befinde sich der Unberührbare. Diese Ordnung werde durch die Wiedergeburtslehre religiös legitimiert, nach der jeder ein Leben führe, wie er es sich selbst verdient habe: Gute Taten führten demnach zu einem guten Leben, schlechte zu einem schlechten.

Dieses Bild einer starren, uralten und religiösen Sozialordnung entspricht nicht der sozialen Realität Indiens in Geschichte und Gegenwart. Doch was ist nun eine Kaste bzw. das Kastensystem? 

Eine erste Annäherung an das Phänomen Kaste soll über die Etymologie erfolgen. Das Wort Kaste geht auf Lateinisch castus und Portugiesisch 

casta zurück und bedeutet eigentlich „etwas nicht Vermischtes“, somit „Art“, „Rasse“, „Stamm“, „Geschlecht“. Mit diesem Begriff belegten die seefahrenden Portugiesen die ihnen fremd anmutenden, endogamen Gruppen der indischen Gesellschaft, wie sie sie bei ihren ersten Kontakten zu Beginn des 16. Jahrhunderts vorgefunden haben. Von hier aus fand dann casta Eingang in den englischen und französischen Sprachgebrauch (caste) und wurde lange Zeit unterschiedslos mit „Stamm“ gleichgesetzt. Wichtig in unserem Zusammenhang ist der Hinweis, dass „Kaste“, oder besser: „Kastenwesen“, „Kastensystem“, „Kastengesellschaft“ nichts mit dem deutschen Wort „Kasten“ im Sinne von Kiste, Behältnis zu tun hat. Es ist lediglich die deutsche Schreibweise von Portugiesisch casta, die diese falsche Verbindung hervorrufen kann.

Wir sehen, dass die indische Gesellschaft mit einem fremden, von europäischen Eroberern stammenden Begriff bezeichnet wird. Die Inder selbst verwenden statt „Kaste“ ihren eigenen Begriff: jati. Dieses Sanskritwort bedeutet ursprünglich Geburt, Entstehung. Mit jati bezeichnen die Inder also eine durch das Kriterium der Geburt im Sinne der gemeinsamen Abkunft gekennzeichnete soziale Einheit (genus), deren Mitglieder ganz bestimmte, angeborene Eigenschaften (gunas) besitzen, die ihr Verhalten bestimmen und dadurch von anderen jatis unterschieden werden können. Diese Eigenschaften können durch Kontakt mit anderen Menschen weitergegeben bzw. aufgenommen werden. Jati kann je nach Kontext viele Bedeutungen annehmen wie „Geschlecht“, „Rasse“, „Abstammungsgemeinschaft“, „Stamm“, „Kaste“; aber auch: „Volksgruppe“, „Berufsgruppe“, „Nation“. Damit haben wir ein erstes wichtiges Kriterium von Kaste festgelegt. Mitglied einer jati wird man nicht durch Beitritt oder Ernennung, sondern ist man durch Geburt. Ebenso kann man die Eigenschaften einer Kaste nicht erwerben, sondern man bekommt sie mit der Geburt.

Die verschiedenen Kasten existieren natürlich nicht für sich allein, sondern sind aufeinander bezogen. Zusammen bilden sie ein hierarchisch gegliedertes Sozialsystem, das je nach äußeren Rahmenbedingungen verschieden ausfallen kann. Grundsätzlich sollte man den untauglichen Versuch unterlassen, die soziale Wirklichkeit Indiens in ein System pressen zu wollen. Es existiert nicht ein Kastensystem, sondern Kastensysteme, die die regionalen Eigenheiten widerspiegeln. Diese äußeren Rahmenbedingungen, seien sie geographischer, politischer oder ökonomischer Natur, haben sich im Laufe der Zeit immer wieder geändert, so auch vor allem in der heutigen Zeit. Die regional geprägte Vielfalt der Kastensysteme macht deutlich, wie flexibel die Institution der Kaste auf die unterschiedlichen äußeren Bedingungen reagiert hat und immer noch reagiert. Sie macht weiterhin deutlich, wie unangemessen das Bild einer uniformen, unveränderlichen indischen Sozialordnung ist, die zudem noch als soziale Manifestation eines Glaubenssystems, des Hinduismus, gedeutet wird.

Die Kasten sind also nicht gleich, sondern sie unterscheiden sich (Differenz). Ebenso sind sie in einer Hierarchie angeordnet, es gibt ein Oben und ein Unten. Entsprechend ungleich sind Rechte und Pflichten verteilt. Es besteht ein deutliches Machtgefälle, das die Oberen zu verteidigen, die Unteren in ihrem Sinne zu ändern versuchen.

Traditionellerweise übten die Mitglieder einer Kaste einen bestimmten Beruf aus, der ihrem Rang in der Kastenhierarchie und ihren Eigenschaften entsprach. Die Brahmanen, in der Regel ganz oben stehend, gingen geistigen und religiösen Tätigkeiten, z. B. als Lehrer, Berater oder Priester nach, während die ganz unten Stehenden als Dienstleistende und Handwerker solche Arbeiten zu verrichten hatten, die die Oberen auszuführen ablehnten, weil sie gegen ganz bestimmte Tabus verstießen. Während der Brahmane eine gesellschaftlich angesehene, reine Tätigkeit ausübt und somit selbst als rein gilt, geht der Unberührbare einer verachteten, unreinen Arbeit nach und wird damit selbst als unrein betrachtet, mit dem der Reine jeglichen Kontakt vermeiden soll, um nicht selbst verunreinigt zu werden. Alle Tätigkeiten, die z.B. mit Abfall, toten Lebewesen, Ausscheidungen, Blut oder Schmutz zu tun haben, gelten als verunreinigend. Sie werden von Mitgliedern unreiner Kasten ausgeführt, da sie von Geburt an dafür prädestiniert sind. Sie verfestigen damit ihre Unreinheit, während der Reine dagegen seine Reinheit wahrt, indem er solche Tätigkeiten meidet. Ein Brahmane übt nur „reine“ Berufe aus und bleibt als geborener „Reiner“ rein. Ein Abdecker oder Lederbearbeiter, ein Leichenbestatter oder Latrinenreiniger hingegen übt einen „unreinen“ Beruf aus und bleibt als geborener „Unreiner“, als Unberührbarer, unrein.

Die Lebensführung eines Reinen ist somit durch die Vermeidung von Unreinheit bestimmt. Es gibt ganz bestimmte Gebote und Verbote, was ein angesehenes, in der Hierarchie oben stehendes Mitglied einer als rein geltenden Kaste tun darf oder  nicht. Er darf nur mit seinen Kastenmitgliedern essen, sich verheiraten und Kontakt halten. Daher müssen die Unberührbaren auch am Rande des Dorfes leben. Früher, in der alten, relativ abgeschiedenen indischen Dorfgesellschaft, standen die einzelnen Kasten untereinander in festgelegten, vom Vater auf den Sohn vererbten Austauschbeziehungen, die die benötigten Waren und Dienstleistungen in einer weitgehend auf sich selbst gestellten dörflichen Wirtschaft zur Verfügung stellten. Der Wagner baute z.B. einen Ochsenkarren für den Landbesitzer, der ihm dafür ein entsprechendes Quantum an Lebensmitteln gab. So waren alle Berufsgruppen in einem wirtschaftlichen Beziehungssystem (Jajmani-System) eingebunden, das zwar für die Ärmsten eine Art Überlebensgarantie bot, aber auf der ungleichen Verteilung von Einkommen und Besitz beruhte. Dazu gehört vor allem in einer Bauerngesellschaft wie Indien, damals wie heute, die Kontrolle über das Land, und damit die Kontrolle über Anbau und Verteilung der Nahrungsmittel. Die Oberen, die sog. dominanten Kasten kontrollierten und kontrollieren noch heute das Land, das die Unteren, oft landlose Unreine, für sie bearbeiten müssen. Hier zeigt sich das Herr-Knecht-Verhältnis besonders deutlich.

Heute ist das indische Dorf in der Regel nicht mehr wirtschaftlich unabhängig und damit als wirtschaftliche Einheit nicht mehr allein überlebensfähig. Die Moderne hat auch hier Einzug gehalten und neue Formen der Herstellung und des Austausches von Gütern und Dienstleistungen geschaffen, die auch neue Formen der Abhängigkeit hervorgebracht haben. Neue städtische Produkte sind erhältlich und ersetzen die althergebrachten Güter. Die Einführung neuer landwirtschaftlicher Arbeitsgeräte, wie Traktoren, Pflüge oder Wagen, revolutionieren das dörfliche Wirtschaftsleben und bedrohen die Existenz der Dorfhandwerker und Landarbeiter. Sie müssen sich nach neuen Erwerbsmöglichkeiten umsehen, oft außerhalb des Dorfes, da nicht mehr genügend Arbeitsplätze für alle vorhanden sind. Dieses Problem wird noch durch die zunehmende Bevölkerung verstärkt.

Die materielle Basis der Kastensysteme hat sich damit deutlich geändert: Industrialisierung, Verstädterung und die Herausforderung neuer, in der Regel westlicher Verhaltensnormen tragen alle ihren Teil dazu bei, dass auch die Kasten heute Änderungen unterworfen sind. Ebenso eröffnet eine bessere Ausbildung neue Chancen des wirtschaftlichen und sozialen Aufstiegs. Die Kastensysteme reagieren flexibel auf diese Herausforderungen. So nehmen z.B. Kasten die Rollen von Interessengruppen an, die in der Politik im Wettbewerb mit anderen versuchen, für ihre Mitglieder Forderungen durchzusetzen und so ihre soziale und wirtschaftliche Stellung zu verbessern. Auch haben Kastenschranken nicht die Entstehung neuer Berufe und die Einführung moderner Methoden der industriellen Produktion verhindert, bei denen Menschen unterschiedlicher Herkunft in einem Raum gemeinsam arbeiten und oft auch in der Werkskantine essen. Ebenso wenig erlauben es die chronisch überfüllten Busse und Bahnen dem Reisenden, die räumliche Distanz zu den Mitfahrern zu wahren. Damit erweist sich die Kaste nicht als ein Entwicklungshindernis, das die Modernisierung der indischen Gesellschaft hintertreibt.

Natürlich gibt es auch heute noch in Indien klare Formen der Über- und Unterordnung, der Reinheit und Unreinheit. Vor allem die Diskriminierung der Unberührbaren, die sich heute als Dalits (Zerbrochene) bezeichnen, ist überall gang und gäbe, obwohl die indische Verfassung die Praxis der Unberührbarkeit verbietet und staatliche Förderprogramme für die Unberührbaren und andere benachteiligte Gruppen existieren. Es hat den Anschein, als ob die wirtschaftliche Entwicklung die Gegensätze zwischen Arm und Reich, Oben und Unten, Rein und Unrein noch verschärft habe. Gerade im sozialen Miteinander ist die Trennung der jatis noch intakt, es gibt im privaten Bereich keinen freien Umgang der Kasten untereinander. Besonders eine Ehe zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Kasten gilt heute noch weitgehend als undenkbar. Eine dauerhafte Vermischung unterschiedlicher Reinheitsgrade und sozialer Status würde das System durcheinanderbringen, das ja so sehr auf Differenz und Hierarchie Wert legt. Daher ist bis heute eine von den Eltern arrangierte Heirat die Regel. Eine „Liebesheirat“ westlicher Art gilt eigentlich als ausgeschlossen.

Die indischen Kastensysteme sind, bei Lichte besehen, gar nicht so spezifisch indisch, wie immer behauptet wird. Sie enthalten sehr viele Elemente, die bis vor noch nicht allzu langer Zeit auch bei uns vorhanden waren und z.T. noch sind. Auch heute noch gibt es die „feinen“ Unterschiede zwischen oben und unten, ganz zu schweigen von den beträchtlichen materiellen Ungleichheiten. Und mit Sicherheit lässt sich sagen, dass das Kastensystem keine zwingende Folge des Hinduismus ist. Nicht umsonst finden wir in den Ländern Südasiens bei Muslimen, Buddhisten und sogar Christen Kasten.


Clemens Jürgenmeyer ist assoziierter wissenschaftlicher Mitarbeiter des Arnold-Bergstraesser-Instituts an der Universität Freiburg. Er beschäftigt sich vorrangig mit der Politik und Gesellschaft Indiens. clemens.juergenmeyer@abi.uni-freiburg.de

Angesagt