Meinungsfreiheit & Toleranz – Wenn die Lautesten die Wenigsten aushalten

von Gordon Hügel

In unserer Gesellschaft wird viel über Meinungsfreiheit gesprochen. Noch mehr über Toleranz. Beides sind hohe Werte – angeblich. Doch schaut man genauer hin, wirkt es zunehmend scheinheilig. Denn ausgerechnet diejenigen, die am lautesten „Toleranz!“ und „Meinungsfreiheit!“ fordern, scheinen oft die geringste Toleranz gegenüber anderen Meinungen zu haben.

Kritik? Unangenehme Fragen? Abweichende Sichtweisen? Fehlanzeige. Wer nicht exakt ins Weltbild passt, wird heute schnell in eine Schublade gesteckt: rechts, radikal, rückständig, naiv – je nachdem, aus welcher Ecke die Kritik kommt. Und das Erschreckende: Diese Reaktionen kommen nicht etwa von erklärten Gegnern der freien Debatte, sondern oft von jenen, die sich selbst als ihre engagiertesten Verteidiger sehen.

Toleranz – aber bitte nur in eine Richtung?

Was wir heute häufig erleben, ist keine echte Toleranz, sondern eine bedingte. Sie reicht genau so weit, wie das Gegenüber mit der eigenen Meinung übereinstimmt. Wer zu sehr abweicht, wird ausgegrenzt. Wer Fragen stellt, wird verdächtigt. Wer widerspricht, wird stumm geschaltet – notfalls öffentlich.

Diese Art von „Debattenkultur“ ist keine. Es ist ein Meinungsdiktat im Deckmantel der Moral. Dabei war Toleranz nie dafür gedacht, nur Gleichgesinnte zu bestätigen. Sie beginnt genau dort, wo es unangenehm wird. Wo man dem anderen zuhört, obwohl man innerlich den Kopf schüttelt. Und wo man den Raum lässt, anderer Meinung zu sein – ohne gleich in Abwehr, Empörung oder Abwertung zu verfallen.

Der Preis für echte Meinungsfreiheit

Wer wirklich an Meinungsfreiheit glaubt, muss auch Meinungen ertragen können, die er oder sie ablehnt. Das ist schwer – keine Frage. Aber es ist der Preis einer offenen Gesellschaft. Denn Meinungsfreiheit ist kein Wohlfühlkonzept. Sie schützt vor allem das Unangenehme, das Polarisierende, das Unpopuläre. Alles andere braucht keinen Schutz.

Wenn wir anfangen, freie Rede nur dann zu akzeptieren, wenn sie bequem ist, dann verkommt Meinungsfreiheit zur leeren Worthülse. Und wenn Toleranz nur denen gilt, die ins eigene ideologische Raster passen, dann ist sie keine Tugend, sondern ein Machtinstrument.

Fazit: Prüfen wir uns selbst

Es ist leicht, von anderen Toleranz einzufordern. Schwerer ist es, sie selbst zu leben. Vielleicht sollten wir uns öfter selbst fragen: Bin ich wirklich offen für andere Meinungen – oder nur für jene, die meine eigene bestätigen?

Denn echte Meinungsfreiheit braucht keine Applauskulisse. Sie braucht Mut, Offenheit – und vor allem die Bereitschaft, auch das auszuhalten, was einem nicht passt.

Angesagt