Frankreich und die Pressefreiheit im deutschen Südwesten

von Claus-Dieter Hirt

Viel wird diese Tage und zurecht der Wiedergewinnung der Pressefreiheit in Deutschland vor 80 Jahren bedacht. Es war dies kein einheitlicher deutschlandweiter Prozess, sondern entwickelte sich in Besatzungszone zu Besatzungszone unterschiedlich. Der Zensur des Dritten Reichs folgte zunächst eine politische Lenkung und Indoktrination durch die französische Besatzungsmacht.

Einzelne Personen und Persönlichkeiten auf französischer Seite aber hatten die Courage, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und neu zu beginnen. Dazu zählte der französische Presseoffizier im Kreis Konstanz: Georges Ferber. Erst spät und posthum dankte ihm Konstanz für sein Wirken durch Verleihung des Ehrenrings der Stadt. Eine Straßenbenennung blieb bis heute aus. An dieser Stelle aber sei er gewürdigt:

Georges Ferber – Humanist und Philosoph

Geboren als Deutscher in Zabern (franz.: Saverne), gestorben als Franzose in Saverne hatte Ferber (1915–2002), im Zivilberuf professeur agrégé d´Allemand, den Krieg als Offiziersanwärter in der Infanterie verbracht. Mit Ferber als Officier de Contrôle Adjoint, chargé de I’Information et des Affaires Culturelles dans le District de Constance betrat ein weiterer Elsässer die Bühne der südwestlichen Region. In der Familie Ferbers spiegelte sich das wechselvolle Schick­sal der Elsässer wider: Einmal dienten die Männer in der deutschen, ein anderes Mal in der französischen Armee. Von Haus aus zweisprachig1, suchte der von warmherzigen humanistischen Prinzipien geleitete Offizier „Deutschland mit der Seele“.

Nachdem in den ersten Tagen der Besatzung die Bevölkerung lediglich durch Plakatanschläge der Militärregierung darüber in­formiert wurde, was sie zu tun und zu lassen hatte, dieses Medium aber nicht genutzt wurde, um über das aktuelle Zeitgeschehen zu berichten, erschien (noch im Mai 1945) kurzfristig und nur in wenigen Nummern das alliierte Nachrichtenblatt „Die Mitteilungen“, das zum Beispiel am 9. Mai die deutsche Kapitulation bekanntgab. In dieser Zeit begannen die für das Informationswesen zuständigen französischen Stellen im gesamten Be­satzungsgebiet, Gesuche von Deutschen zu bearbeiten, die Zeitungen gründen wollten. So kam es in Konstanz zu ersten Kontakten mit Johannes Weyl, einem politisch unbelasteten ehemaligen Mitarbeiter des Berliner Ullstein Verlages. Als Ergebnis der Gespräche, die Georges Ferber mit Weyl führte, kann gewertet werden, dass Weyl schon Anfang August 1945 von den lokalen französischen Behörden die Erteilung einer Lizenz zur Gründung einer Zeitung in Aussicht gestellt wurde.

Nachdem Ferber am 29. August 1945 vom damaligen Militärgouverneur Südbadens telefonisch die entsprechende Erlaubnis erhalten hatte, beauftragte der Bezirksdele­gierte d’Alauzier einen Tag später Johannes Weyl mit den Vorbereitungen für die Herausgabe einer Tageszeitung für den Bezirk Konstanz. Die offizielle Bestätigung der in Konstanz getroffenen Maßnahmen traf in Form eines Schreibens aus Freiburg erst eine Woche später ein, also einen Tag bevor die erste Ausgabe des SÜDKURIER erschien. Für Jürgen Klöckler, heute Stadtarchivar in Konstanz, der sich in seiner Magisterarbeit auch mit der französischen Pressepolitik beschäftigte, ist der Vor­gang, den er als eine vor allem von Kulturoffizier Ferber initiierte, eigenmächtige Initiative interpretiert, Beleg für die Konzeptionslosigkeit der Militärregierung im Sommer 1945.

Erst Ende September 1945 wurde dem SÜDKURIER durch die Informationsabteilung der französischen Militärregierung in Baden-Baden ein Zensuroffizier zugewiesen. Allerdings war die Zeitung bereits vom ersten Erscheinungstag an durch die lokalen französischen Behörden einer Zensur unterzogen worden. Auch diese Handhabung weist hin auf die selbstbewusste Haltung der französischen Behörden in Konstanz und insbesondere des Informationsoffiziers Ferber , der offenbar nicht länger auf eine Genehmigung von höherer Stelle warten wollte, weil er – wie Klöckler zusammenfasst  – der Ansicht war, dass eine Stadt wie Konstanz nicht mehr länger ohne eine Zeitung auskommen könne. Gemeinsam mit André Noël hat Georges Ferber im Südwesten in den ersten Nachkriegsjahren und auf Jahrzehnte hinaus mit Taktgefühl und großem Geschick vieles bewegt und manches verhindern können, mit dem sein aufrechter Sinn nicht einverstanden sein konnte. Alle nachfolgenden französischen Gouverneure und Kultur Attachés orientierten sich an den neu gesetzten Maßstäben.


[1] Georges Ferber lebte für die Zweisprachigkeit des Elsass.

Angesagt