Das Donnerstag Interview mit Alfred Mutter, ehemaliger und vielleicht künftiger Bürgermeister in Volkertshausen/Hegau

Intro:
Volkertshausen (www.volkertshausen.de) hat ca.3350 Einwohner/innen und ist mit 514 ha die kleinste Gemeinde im Landkreis Konstanz. Der bisherige Bürgermeister, Markus Röwer, wurde Anfang des Jahres zum ersten Bürgermeister der Stadt Singen gewählt. Eine Neuwahl steht also an. Zur Überraschung aller Beobachter tritt nun Röwers Vorgänger, Alfred Mutter erneut an. Mutter hatte das Amt 36 Jahre (1983-2019) inne und vertritt die Gemeinde seit 41 Jahren ohne Unterbrechung als Kreisrat im Kreistag unseres Landkreises Konstanz.
u-kn fragte Alfred Mutter nach seiner Motivation und seinen Zielen
Du bewirbst dich für einen befristeten Zeitraum erneut für das Amt des Bürgermeisters von Volkertshausen. Warum?
Der unerwartete Weggang von Bürgermeister Marcus Röwer hat in unserer Gemeinde eine breite Verunsicherung hervorgerufen. Zahlreiche besorgte Bürger haben die Frage gestellt, wie es jetzt mit Volkertshausen weitergeht, und haben mich in vielen persönlichen Gesprächen gebeten, mich doch noch einmal für das Amt des Bürgermeisters unserer Gemeinde zur Verfügung zu stellen.
Gleichzeitig hat sich in unserer Gemeinde die Bürgerinitiative „Hegau“ formiert, in der sich verschiedene Persönlichkeiten engagieren und sich über alle im Gemeinderat vertretenen Wahlvorschläge hinweg überparteilich Gedanken zur Zukunft unseres Dorfes machen. Diese Persönlichkeiten haben Überlegungen aufgegriffen, die wir vor etwa Jahren, als ich noch als Bürgermeister im Amt war, bereits diskutiert haben. Im Kern dieser Überlegungen geht es um die Intensivierung der Zusammenarbeit unserer Gemeinde mit unseren Nachbargemeinden hier im mittleren Hegau.
Die finanziellen und organisatorischen Herausforderungen im Landkreis Konstanz sind gewaltig und die eigentlichen Herausforderungen, Stichwort Berufsschulzentrum Konstanz und Klinik Neubau am Standort Nordstadt Singen stehen erst an. Wie ist deine Einschätzung?
Fast täglich kann man in den Zeitungen Berichte, über die sich dramatisch verschlechternde Finanzlage im gesamten kommunalen Bereich lesen. Vor diesem Hintergrund gilt es, die Funktion unserer öffentlichen Einrichtungen und unsere Dorfgemeinschaft mit ihrem beispielhaften und hervorragend funktionierenden Vereinsleben auch für die Zukunft auf eine sichere Basis zu stellen. Wir brauchen Zeit, um neue Wege zu denken – wir brauchen eine Interimslösung.
Die Option einer Interimslösung durch deine zeitlich begrenzte (Wieder-) Wahl erscheint schlüssig. Nur: Volkertshausen grenzt im Norden an die Stadt Aach (ca. 2400 Einwohner,) im Osten an Steißlingen (ca. 5100 Einwohner) im Süden an die Stadt Singen und im Westen an Mühlhausen Ehingen (ca. 4000 Einwohner). gab es denn bereits Gespräche mit den Nachbargemeinden und ist ein Zusammenschluss, der entsprechende Bürgerentscheide voraussetzt, überhaupt realistisch?
Bereits bisher arbeitet Volkertshausen in verschiedenen Bereichen sehr gut mit Nachbargemeinden zusammen, so beispielsweise auf dem Gebiet des Standesamtswesens mit der Gemeinde Steißlingen oder im Zweckverband für das gemeinsame Gewerbegebiet und im Bereich des Feuerwehrwesens mit der Stadt Aach. Es ist jetzt angezeigt, die Zusammenarbeit der Gemeinden hier im mittleren Hegau zu intensivieren und durch gemeinsame Aufgabenerledigung in den verschiedensten Bereichen Synergieeffekte zu erzielen, die zu deutlichen Kosteneinsparungen beim laufenden Verwaltungsbetrieb führen können. Mit Blick auf die knapper werdenden öffentlichen Finanzen müssen wir uns jetzt Zeit nehmen, um neue Wege zu denken.
Was wir also in dieser Situation jetzt brauchen, ist eine auf einen überschaubaren Zeitraum angelegte Interimslösung, die es zulässt, neue Wege zu denken und mögliche Veränderungen einzuleiten. Verursacht durch den Weggang von Marcus Röwer öffnet sich im Falle meiner Wahl zum Bürgermeister für unsere Gemeinde ein Zeitfenster, das es einerseits zulässt, begonnene oder angestoßene Projekte bzw. Vorhaben weiter voranzubringen, gleichzeitig aber auch ermöglicht, perspektivisch nach vorne zu schauen und neue Wege zu denken, wobei es dabei keine Denkverbote geben darf.
Konkret – Worum geht es?
Die Gespräche mit unseren Nachbargemeinden könnten dazu führen, dass sich hier im mittleren Hegau, im Dreieck zwischen den Städten Singen, Engen und Stockach, aus mehreren Dörfern eine neue kraftvolle Gemeinde bildet, die die schwieriger werdende Finanzlage bewältigen und auch bei einer künftigen etwaigen Gemeindereform Bestand haben kann. Ich bin davon überzeugt, dass es besser ist, frühzeitig, freiwillig und selbstbestimmt aus einer Position der Stärke – Volkertshausen ist schuldenfrei – hier im mittleren Hegau eine starke neue Einheit aus auch in der Größe vergleichbaren Ortschaften zu bilden, als in möglicherweise nicht mehr allzu ferner Zukunft unter Zwang irgendwo eingemeindet zu werden. Zum Zustandekommen einer solchen Neubildung müsste die Bürgerschaft in einem Bürgerentscheid dann vorher ihre Zustimmung geben.
Einen solchen Bürgerentscheid gab es in Volkertshausen schon einmal. Zu Beginn der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts lehnten die Bürger von Volkertshausen und von Aach im Zuge der damaligen Gemeindereform in Baden-Württemberg in Bürgerentscheiden, die in beiden Nachbargemeinden abgehalten wurden, jeweils ein Zusammengehen der beiden Gemeinden ab. Das war damals sicher eine gute Entscheidung.
Inzwischen ist ein halbes Jahrhundert vergangen. Was vor 50 Jahren richtig war, hat heute leider keine Gültigkeit mehr. In den hinter uns liegenden 50 Jahren sind die gesetzlichen Anforderungen an die Gemeinden ganz gewaltig angestiegen. Rechtsansprüche im Bereich der Kinderbetreuung, zunehmende Belastungen im sozialen Bereich und allgemeine Kostensteigerungen führen aktuell dazu, dass den Kommunen die Kosten davonlaufen. Im gesamten kommunalen Bereich hat sich die Finanzlage dramatisch verschlechtert. Immer wieder liest man, dass Städte und Gemeinden ihre laufenden Haushalte nicht mehr ausgleichen können. Vor diesem Hintergrund bin ich fest davon überzeugt, dass die Herren Bürgermeister der Nachbargemeinden, die ich ja alle persönlich und gut kenne, und dass die Mitglieder der Gemeinderäte auch der Nachbargemeinden offen sein werden für Gespräche über die Idee, neue Wege für eine gemeinsame gute Zukunft hier im Hegau zu denken. Die Wählerinnen und Wähler in unseren Gemeinden hier im mittleren Hegau haben Personen zum Bürgermeister und in ihre Gemeinderäte gewählt, von denen sie wissen, dass sie pragmatisch und zukunftsorientiert denken und handeln.
Was bleibt, was würde sich ändern?
Bei Neubildung einer Gemeinde gibt es in jedem Rathaus der bisherigen Gemeinden weiterhin ein Bürgerbüro, wo man beispielsweise seinen Personalausweis oder Reisepass beantragen und verschiedenste Anträge abgeben kann und wo es weiterhin einen Ansprechpartner für die Anliegen der Bürgerschaft gibt. Das dörfliche Gemeinschaftsleben funktioniert weiter wie bisher. Unsere lebendigen Vereine unterbreiten also unserer Einwohnerschaft wie bisher weiterhin ihr breites Angebot zur sinnvollen Gestaltung der Freizeit. Bei uns in Volkertshausen wird der Kulturausschuss weiterhin die verschiedenen Aktivitäten unserer vorbildlichen Vereinsfamilie koordinieren.
Unser Ortsname „Volkertshausen“ wird weiterhin auf unserem Ortsschild stehen, versehen mit dem Zusatz des Namens der neugebildeten Gemeinde. Was wir nicht mehr haben werden, ist eine Bürgermeisterin oder ein Bürgermeister ganz alleine nur für uns, sondern wir werden uns sie oder ihn mit benachbarten Ortschaften teilen. Im Verhältnis der Einwohnerzahlen werden die beteiligten Ortschaften jeweils mit einer bestimmten Anzahl an Gemeinderäten im neuen gemeinsamen Gemeinderat vertreten sein. Ich gehe auch davon aus, dass Ortschafträte eingerichtet werden, die in den einzelnen Ortschaften verschiedene Angelegenheiten in eigener Zuständigkeit erledigen können und die Interessen der jeweiligen Ortschaft zusätzlich vertreten.
Was macht das mit deiner persönlichen Lebensplanung als umtriebiger Pensionär?
Der Weggang von Marcus Röwer stellt meine bisherige Lebensplanung also auf den Kopf. Die teilweise dramatische Entwicklung der Gemeindefinanzen, die Liebe zu unserem Dorf und die Verantwortung, die ich nach wie vor für unsere Dorfgemeinschaft empfinde, haben mich aber davon überzeugt, dass es richtig ist, unserer Bürgerschaft das Angebot zu machen, mich noch einmal für etwa eineinhalb bis zwei Jahre als Bürgermeister in den Dienst meiner Heimatgemeinde zu stellen. Ich mache dieses Angebot aber auch, um mir selbst später einmal nicht den Vorwurf machen oder mir von anderen den Vorwurf anhören zu müssen, diese sich jetzt bietende Möglichkeit, zusammen mit unseren Nachbargemeinden hier im mittleren Hegau neue Wege zu denken, nicht ergriffen zu haben. Für die Gespräche mit unseren Nachbargemeinden hilft mir, dass ich die amtierenden Bürgermeister der Nachbargemeinden bereits persönlich gut kenne und aufgrund der eigenen Erfahrung Verständnis habe für das Geschehen in Gemeinden ähnlicher Größenordnung.
Wir wünschen dir viel Erfolg bei deiner (Wieder-) Wahl!
Das Interview für u-kn führte Claus-Dieter Hirt.




