Konstanz, der Rheintorturm und seine spanische Geschichte: eine verpasste Chance

von Claus-Dieter Hirt

Warum fragt sich (nicht nur der Tourist) heißt die dominante Bellevue auf dem rechtsrheinischen Teil unserer Stadt gegenüber dem Rheintorturm denn Spanierstraße? Warum hat man sie nicht nach Portugal oder Italien benannt? Vielleicht weil in Konstanz etwa 500 Spanierinnen und Spanier und noch einmal so viele spanischsprechende Latinos leben, deren Länder in der Phase des Imperialismus von den spanischen Konquistadoren erobert wurden? Oder weil immer mehr junge Menschen, auch in Konstanz, die mittlerweile von fast 500 Millionen Weltbürgern gesprochene Sprache lernen? Oder weil der Jakobsweg der Camino de Santiago an der Konstanzer Basilika beginnt? Oder , weil sich auf dem Konzil zu Konstanz (1414-1418) eine hispanische Nation formierte? Oder weil das Geschlecht der Ehinger in Konstanz (schon im frühen 14. Jahrhundert nachgewiesen) im 15. Jahrhundert Handelsniederlassungen in Spanien errichtete und von dem Habsburger Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches“ Karl V. ein Privileg erlangte, das ihnen für den Verkehr mit den überseeischen Ländern die gleichen Rechte und Möglichkeiten wie den spanischen Untertanen gewährte? (Das war vor einigen Jahren Thema einer mit hohen öffentlichen Geldern finanzierten und inhaltlich in Teilen falschen Ausstellungspräsentation unter dem martialischen Titel Blut. Stoff. Gold . (https://archiv.seemoz.de/kontrovers/dekolonialer-stadtrundgang-stellungnahme-der-verantwortlichen/)), oder, oder…

Nein, weder das eine noch das andere ist der Grund. Friedrich Kratzer klärt nachstehend auf, warum die Straße gegenüber dem Rheintorturm „Spanierstraße“ heißt. Es ist ein Versäumnis der Stadt Konstanz, dass weder auf der einen noch auf der anderen Rheinseite der geschichtliche Zusammenhang zeitgemäß (Erläuterungstafel mit QR Code) dargestellt wird und die Fresken im Rheintorturms ungeschützt der Witterung ausgesetzt sind und verbleichen.

Die Zäsur von 1548, der Verlust der Reichsfreiheit der stolzen Stadt Konstanz und ihr Abstieg zur österreichischen Provinzstadt war – bis heute – für Konstanz und die Region weit bedeutender als die vier Jahre des glorifizierten Konstanzer Konzils.


Spanierstraße

von Friedrich Kratzer

1527 wurde die Freie Reichsstadt Konstanz nach dem Züricher Uldrich Zwingli protestantisch reformiert. Der Konstanzer Stadtrat erklärte sich als Hüter der Reformation, verbot 1529 die katholische Religionsausübung, und schloss sich dem Bund der reformierten Reichsstädte (Schmalkaldischer Bund) an.

Kaiser Karl V. erklärte diesem Schmalkaldischer Bund 1546 den Krieg, den er 1547 auch gewann. Diese Niederlage der Protestanten im „Schmalkaldischen Krieg“  wollte Konstanz für sich nicht gelten lassen, sondern verhandelte bis 1548 um seine Reichs- und Religionsfreiheit. Am Vormittag des 6. August 1548 verhängte Karl V. per Verkündigung und Aushang am Augsburger Rathaus die Reichsacht über Konstanz.

Offenbar war dieser Schritt seit langem geplant, denn unbemerkt von den Konstanzern gelangten in den Tagen zuvor über Tuttlingen und Stockach, 3000 spanische Söldner unter Oberst Alphons de Vives an den Bodensee. Sie lagerten bei Bodman in Bereitstellung mit dem Ziel, Konstanz vollkommen dem Erdboden gleich zu machen (Liquidation). Nun machte der französische Gesandte in der Schweiz die Konstanzer auf die drohende Gefahr aufmerksam. Warnungen liefen auch aus Zürich und anderen Orten der Schweiz ein, so dass die Konstanzer ihre Frauen und Kinder in den Thurgau evakuierten, und die Wachen auf den Türmen und Mauern verstärkte. 

Fast zeitgleich mit der Verkündigung der Reichsacht in Augsburg, setzten die Spanier um 4 Uhr morgens des 6. August 1548, zum Sturm auf Konstanz an. Am oberen Petershauser Tor und der Petershausen Mauer wurde deren erste Angriffswelle von Schützen mit Hakengewehren empfangen. Oberst Alphons de Vives und sein Sohn sanken tödlich getroffen von ihren Pferden, was die spanischen Söldner wutentbrannt stürmen ließ. Don Diego de Sales war nun deren Anführer. 

Angesichts der zahlenmäßigen Übermacht der Angreifer, zogen sich die 200 Verteidiger kämpfend Richtung Rheinbrücke zurück, deren Überdachung schnell eingerissen wurde, um den Schützen auf dem Rheintorturm ein freies Schussfeld zu geben. Das große Turmtor konnte im letzten Augenblick geschlossen werden. Mit Schwert, Hellebarde und Spieß rückwärtskämpfend, gelangten die letzten Verteidiger durch das kleinere Einlasspförtchen in Sicherheit. Ein Konstanzer Metzger erreichte das Pförtchen nicht mehr rechtzeitig. Er erfasste mit jedem Arm einen Spanier, und stürze sich mit ihnen in den Rhein, der ihn mit den Feinden verschlang.

Im Laufe des Kampfes geriet im Rheintorturm ein Pulverfass in Brand. Durch die Rauchentwicklung abgeschreckt, zogen sich die Spanier von der Brücke zurück, in dem sie diese in Brand setzten. Vom gegenüberliegenden Ufer setzen sie die Beschießung von Konstanz fort. In Petershausen zurückgebliebene Frauen und Männer wurden geschändet, verstümmelt oder gleich ermordet. Viele versuchten sich schwimmend über den Rhein zu retten. Das von den Mönchen verlassene Kloster, die Kirche und alle Häuser brannten lichterloh. Gegen 9 Uhr, nach fünf Stunden kämpfend, mordend und plündernd, zogen sich die Spanier zurück. Ihre Toten warfen sie in den Rhein, oder verbrannten diese in den Weinbergen. Zahlreiche tote Menschen trieben Rheinabwärts, schrieb Stadtschreiber und Chronist Jörg Vögelin (*1483 in Konstanz, 1504 Unterschreiber, 1524-1549(?) Stadtschreiber, +8.3.1562 Zürich), dem wir die genaue Beschreibung der geschilderten Kampfhandlungen verdanken.

Nach der Wiedererrichtung von St. Peter & St. Gregor begannen die 1556 aus dem Exil zurückgekehrten Benediktiner wieder mit dem Chorgebet. 1802 wurde das Kloster Petershausen säkularisiert und großherzoglich-badisches Stadtschloss. Ein erneuter Brand der hölzernen Rheinbrücke am 01. Juni 1856, zwang die Stadt dazu,  einen zeitgemäßen Neubau mit Straße und zweigleisigem Schienenstrang zu errichten.  Mit dem Umbau des Platzes beim Gasthof „Sternen“ nach Fertigstellung der neuen Rheinbrücke, wurde 1860 der ehemalige Klostergarten mit einer Straße nach Wollmatingen überbaut, welche auf Vorschlag des Konstanzer Stadtrats Ludwig Leiner in Erinnerung an den August 1548 „Spanierstraße“ benannt wurde.

Nachtrag:
Auf die Belagerung der Spanier folgte einige Wochen später die Belagerung durch die Österreicher. Jetzt kapitulierte Konstanz am 13. September 1548 und fiel dadurch an Österreich. Es verlor gleichzeitig den Status einer Freien Reichsstadt.


Quellen: Alle Geschichtsbücher, die sich auf Chronist Jörg Vögelin berufen.

Beim Bild mit dem Wappen lautet die Inschrift: „Graf eberhart von rordorf stifter diese bruck.“ Tatsächlich baute der Graf die erste Konstanzer Rheinbrücke in den Jahren 1203-1206 für die Konstanzer völlig gratis. Der Haken war aber der, dass er zu seiner Zeit das alleinige Privileg hatte, Brücken und Fährverbindungen zu errichten, für die alle Benutzer dann eine Maut bezahlen mussten, was sein Einkommen war von dem er lebte. Die „Zollstelle“ für die Benutzer der Konstanzer Rheinbrücke war das Haus Rheingasse 16, Haus Zum Matthäus an der Zollbank, mit dem Sauerbruch-Graffiti Matthäus der Zöllner.

Bilder Torbogen Rheintorturm (Fotos: Claus-Dieter Hirt)

Angesagt