Von Boris Palmer

Unsere Welt scheint aus den Fugen zu geraten. Während Donald Trump und Elon Musk den Anschein erwecken, keine Grenzen und Regeln mehr zu kennen, führt Putin Krieg im Osten Europas, und China wird mehr und mehr zur Konkurrenz für die deutsche Industrie. Die Weltlage schlägt vielen Menschen aufs Gemüt. In einer Umfrage des SPIEGEL sagten 77 Prozent der Befragten, Deutschland stehe jetzt schlechter da als vor einem Jahr, nur zwölf Prozent fanden, dem Land gehe es besser. Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat einen Begriff geprägt, der das erklären könnte. Er meint, dass wir in einer globalen »Omnikrise« stecken. Corona, Klimawandel, Migrationsströme, Krieg in Europa, Terror gegen Israel und der Krieg im Gazastreifen. Da kann man schon verzweifeln an der Welt.
Doch stimmt das auch? Der schwedische Arzt Hans Rosling beginnt sein im Jahr 2018 erschienenes Buch Factfulness, das so gar eine Leseempfehlung von Barack Obama erhielt, mit einem Dutzend Testfragen zur Lage der Welt. Ich (Boris Palmer) zitiere hier drei Beispiele jeweils mit Roslings Antwortoptionen:
- Wie viele der Kinder im Alter von einem Jahr weltweit haben mindestens eine Impfung erhalten?
A: 20 Prozent. B: 50 Prozent. C: 80 Prozent. - Welcher Anteil der Menschen weltweit hat Zugang zu Elektrizität?
A: 20 Prozent. B: 50 Prozent. C: 80 Prozent. - Wie hoch ist die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit?
A: 50 Jahre. B: 60 Jahre. C: 70 Jahre.
Auf diese Weise fragt Rosling einige der wichtigsten Fakten zur globalen Entwicklung der Menschheit ab. Weil es sich um einen Multiple-Choice-Test handelt, würde man statistisch gesehen durch rein zufälliges Ankreuzen bereits ein Drittel der Fragen richtig beantworten. Tatsächlich ist der Anteil der korrekten Ant worten, die Rosling über viele Jahre dokumentierte, aber deutlich geringer. Einige der Fragen konnte nicht einmal jeder Zehnte richtig beantworten. Und mit höherem Bildungsgrad der Befragten wurde das Ergebnis eher schlechter.
Warum ist das so? Weil wir ein negativ überformtes Bild der Wirklichkeit haben. Menschen, die in der westlichen Wohlstandswelt aufgewachsen sind, schätzen die Lage der Menschen in den für sie weithin unbekannten ärmeren Teilen der Welt viel schlechter ein, als sie tatsächlich ist. Entsprechend halten sie häufig eine Antwortoption auf Roslings Fragen für richtig, die negativ von der tatsächlichen Lage abweicht. Roslings Erklärung für diese kollektive Wahrnehmungsverzerrung ist einleuchtend:
In den westlichen Gesellschaften herrscht ein grob falsches und viel zu negatives Bild vom Zustand der Erde, weil wir nicht wahrnehmen, wie groß die Fortschritte in den Entwicklungsländern sind. Um das Jahr 1970 war die Welt tatsächlich in Arm und Reich zweigeteilt, wie die meisten von uns das noch immer im Kopf haben. Seither wurden immense Erfolge bei der Bekämpfung von Kindersterblichkeit, Krieg und Hunger sowie dem Aus bau von Gesundheits- und Bildungssystemen erzielt. Wir haben davon kaum Notiz genommen, und die Fokussierung von Nach richten aus fernen Ländern auf Katastrophen, Kriege und Hungersnöte hat den falschen Eindruck noch verstärkt.
Wie haben Sie die drei Testfragen beantwortet? Richtig ist jeweils C. Auch wenn Sie es vielleicht kaum glauben können, sind 80 Prozent der Kleinkinder weltweit geimpft, 80 Prozent der Menschen haben Zugang zu Elektrizität, und der Abstand der globalen durchschnittlichen Lebenserwartung von der in Deutschland liegt nur noch bei zehn Jahren.
Ist also der ganze Pessimismus hierzulande völlig übertrieben, weil wir nur auf unsere Probleme blicken?
Hans Rosling starb kurz nach der Veröffentlichung seines Buches. Die von ihm aufbereiteten Datenreihen enden um das Jahr 2015. Ich habe daher den Versuch gemacht, einige seiner Zeitreihen durch Daten aus öffentlich zugänglichen Quellen möglichst bis in die Gegenwart fortzusetzen:
- Die Zahl der Toten in kriegerischen Konflikten ist seit dem Zweiten Weltkrieg von Jahrzehnt zu Jahrzehnt kleiner geworden. Die Trendumkehr fand vor rund zehn Jahren mit dem Krieg in Syrien statt: In den Jahren 2022 und 2023 sind mehr Menschen in Kämpfen getötet worden als in jedem Jahr seit 1994, dem Jahr des Völkermords in Ruanda, der 800.000 Menschen das Leben kostete. Der Grund sind, Sie ahnen es richtig, der Krieg in der Ukraine und nun auch der Krieg zwischen Hamas und Israel.
- Von 1970 bis 2015 wurden große Fortschritte bei der Bekämpfung des Hungers erzielt. Der Anteil der unterernährten Menschen weltweit sank von 28 auf elf Prozent. Dann stagnierte die Entwicklung. Und in den letzten Jahren stieg die Zahl der hungernden Menschen weltweit von 572 auf 735 Millionen an. Die wichtigsten Ursachen sind der Krieg in der Ukraine und der daraus folgende Anstieg der Getreidepreise, aber auch die Maßnahmen zur Pandemieabwehr, die Lieferketten und Märkte massiv beeinträchtigt haben. Die Ärmsten der Armen werden daran noch lange leiden. Das hatte ich übrigens im Jahr 2020 zu Beginn der Pandemie als Argument gegen allzu strikte Beschränkungen der Wirtschaft in die Debatte eingebracht und mir damit wenig Freunde gemacht. Der Hinweis, die Lockdownstrategie der entwickelten Länder könnte global betrachtet mehr schaden als nutzen, weil ein möglicher Gewinn weniger Lebensmonate hochaltriger Menschen mit dem Verlust vieler Lebensjahre junger Menschen in den ärmsten Ländern der Welt bezahlt werden müsse, wurde als moralisch unzulässig diskreditiert.
- Der Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, sank seit 1970 von 50 auf acht Prozent im Jahr 2017. Erst mals in unserem Jahrhundert gab es seither wieder einen Anstieg auf nunmehr neun Prozent. Das sind 80 Millionen Menschen mehr, die unter der Schwelle eines Einkommens von zwei Dollar am Tag leben müssen. Der Grund für den Anstieg sind ebenfalls die Pandemiemaßnahmen und der Ukrainekrieg.
(Buchauszug aus „LISA FEDERLE , BORIS PALMER „Wir machen das jetzt!“ Mit freundlicher Genehmigung der Bastei Lübbe AG)
Siehe auch:
Buchvorstellung: Wir machen das jetzt!
Raus aus dem Krisenmodus Ob Wirtschaftskrise, Klimawandel, steigende Kriminalitätsraten, Wohnungsnot oder die Angst vor sozialem Abstieg: Wir stehen vor einer bedrückend großen Zahl an Problemen. Durch ihre jahrzehntelange Arbeit haben Lisa Federle und Boris Palmer gezeigt, dass pragmatisches Handeln Erfolge schafft und Wahlen gewinnt. In diesem Buch beschreiben die Bestsellerautoren die konkreten Herausforderungen beim Klimaschutz, bei Zuwanderung,…




