Genehmigung zum Abriss erteilt? – Teil 1

von Rolf Stolz

Manchmal muss man an Ereignisse der jüngsten Vergangenheit erinnern, die für sich genommen von geringer Bedeutung sind, aber sehr deutlich Symptome der Krankheiten und Krisen unseres Kontinents offenbaren. Die linkselnde und linksliberale Szene gab 2023 prompt Laut, als der nun wirklich nicht als alter weißer Mann zu verbellende Rishi Sunak, damals noch britischer Premier, den kulturavantgardistischen Sprayern abverlangte, ihre Schmieragen wieder von den Hauswänden zu tilgen. Die selbstvergessenen Dumpfbacken merkten natürlich nicht, dass Sunaks Forderung vernünftig war und sie sich im übrigen an Kleinkram abarbeiteten, während seit Jahren sich die Todfeinde Europas Schritt für Schritt auf den totalen Krieg und die komplette Machtübernahme vorbereiten und nur noch Allahu-Akbar-Sprayer übriglassen werden. Von 2023 bis 2024 hatten die auf den Hund gekommenen schottischen Nationalisten mit Humza Yousaf den ersten Muslim als First Minister an die Spitze Schottlands gewählt, Repräsentant der 40.000 Muslime im Land (ein Prozent der Bevölkerung) – ein Schlag ins Gesicht für jeden, der nicht die Jahrhunderte des Kampfes gegen die englische Vormacht vergessen hat. Erinnert sei auch daran, dass Humza Yousaf, als er 2011 zum ersten Mal Abgeordneter wurde, seinen Eid nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Urdu leistete. Die Sprache der neuen Kolonialmacht?
Was ist aus Europa geworden? Als ich 1955 in einer Ruhrgebietsgroßstadt in die Volksschule kam, gab es dort einen einzigen fremden Schüler – einen Bayern, dessen Dialekt manchen Spott hervorrief. Kein Multi-Kulti, keine vielfältige Messerkriminalität, und auch als ein Eiserner Polizist installiert wurde, war der Höhepunkt der Übergriffe, dass ein paar Jungen zum Spaß die Meldetaste drückten und wegliefen.
Ich wohnte damals in einer Siedlung nahe am Wald und an einem Villenviertel. Vier Jahre lang war in meiner Klasse die Tochter eines Milliardärs, der zu den fünfhundert Reichsten der Welt gehörte. Sie ging wie ich den einen Kilometer zur Schule zu Fuß. Ich habe kein einziges Mal gesehen, dass der Chauffeur sie brachte. Als sie auf das Mädchengymnasium wechselte, benutzte sie zur Schule denselben Bus wie ich. Unvorstellbar für die Nachgeborenen diese Sicherheit und dieser innere Frieden der Fünfziger Jahre nach Krieg und Nachkriegselend! Unvorstellbar für die Giftnudel*innen der Meinungsfabriken, die diese große Zeit des Aufbruchs und Aufschwungs als spießig und muffig beschimpfen!
Als ich mich 1967 der linken Rebellion anschloss, hatte die Gastarbeiterzeit begonnen – mit Menschen, die damals eine geringere Kriminalitätsbelastung aufwiesen als die Einheimischen. Nicht, weil sie moralisch bessere Idealisten waren, sondern weil sie damals noch auf einen respektablen und handlungsfähigen Gastgeberstaat trafen und sich nolens-volens wie Gäste verhielten. In dieser Zeit traf ich die ersten türkischen Genossen und arbeitete mit ihnen in Köln bei unserer deutsch-türkischen Fordarbeiter-Zeitung zusammen. (Nebenbei: Zu den Seltsamkeiten unserer Situation gehört es, dass ein deutscher Kathedersozialist sich bei seiner Rezension eines meiner Bücher bemüßigt fühlte, meine Widmung an einen türkischen Kampfgefährten und Freund als Genosse in seinem Text in abwertende Gänsefüßchen zu setzen – geradezu, als ob ein Türke nicht ehrlich links und kein wirklicher Genosse sein könnte.)
Jedenfalls, wir leben in anderen Zeiten als in den mehr oder weniger guten alten. Am Ende der sechziger Jahre, am Anfang der siebziger Jahre verzichteten die westdeutschen Kapitalherren aus kurzsichtig-profitsüchtigen Gründen auf die historisch anstehende technische Revolution der Automatisierung und Digitalisierung, die damals in den USA, Japan und Südkorea vorangetrieben wurde. Jenes Deutschland, das als erstes Land in der Welt die Kernspaltung erreichte, den Zuseschen Computer entwickelte und mit Planck und Heisenberg die Physik des Allerkleinsten analysierte, blieb zurück, weil es mit dem Einkaufen billiger Arbeitskräfte und der Subventionierung traditioneller Industrien sich selbst ins Abseits manövrierte. Der Kassenhersteller Anker, lange nach NCR die Nummer Zwei in der Welt, steuerte 1976 seine sechstausend Bielefelder Mitarbeiter in die Insolvenz, weil er die Umstellung auf digitale Systeme verpasste. Grundhaltung der deutschen Finanzkapitalisten in den siebziger Jahren war, statt langfristig risikobereit zu investieren lieber die schnelle Mark zu machen, die Gewinne zu privatisieren, aber die gesellschaftlichen Kosten zu sozialisieren. Kurz- und langfristig war es unser Volk, das über Steuern und indirekte Abgaben diese verheerende Fehlentwicklung bezahlen musste, die ihren Höhepunkt fand mit der Zerschlagung der „Deutschland-AG“ durch die rot-grünlichen Apparatschiks Schröder und Fischer.
Parallel zu diesen wirtschaftspolitischen Entwicklungen sanken durch die Antibabypille und durch die kinder- und familienfeindliche Propaganda der Abtreibungsfanatiker die Geburtszahlen. Fixiert auf die Gefahr einer Wiederholung nazistischer Zuchtphantasien wurde jede ausreichende Bevölkerungspolitik verweigert. Dies wurde verschlimmert durch das Abgehen von der ursprünglichen Konzeption, die Gastarbeiter nach einigen Jahren wieder zurückkehren zu lassen. Hinzu kam dann noch wenig später die Familienzusammenführung – mit einer Kinderzahl der Zuwanderer, die die der Einheimischen deutlich übertraf und trotz eines gewissen Absinkens auf Dauer höher blieb als die der Stammbevölkerung.


Rolf Stolz

Publizist und Schriftsteller, zählt zu den Mitbegründern der GRÜNEN, war Vorstandsmitglied und gehört der Partei bis heute an. DPA-Pressefotos von 1980 zeigen Ihnen neben dem damaligen Bundesvorsitzenden, August Hausleiter (früher AUD) und der früheren Gallionsfigur der GRÜNEN, der Pazifistin, Petra K. Kelly. Die Werte auch dieser beider Verstorbenen vertritt Stolz bis heute, allerdings in einer Minderheitenposition innerhalb der Partei. Rolf Stolz beschreibt sich selbst als „dissidentischen Linken“ und tritt für eine andere Debattenkultur zu den Themenkreisen Migration und Islamismus in Deutschland und Europa ein. Immer eingerahmt von Art. 5 des Grundgesetzes auf den sich auch „Unser Konstanz“ u-kn bezieht.

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