ZeitenWenden Skizzen zur geistigen Situation der Gegenwart

Ein Spaziergang durch die Republik

von Ulrike Guérot

»Ich hoffe immer noch, dass die Staatsmacht endlich aufhört,
sich wie das hässliche Mädchen zu verhalten, das den Spiegel
zerschlägt, in der Meinung, er sei schuld an seinem Aussehen.«

Vaclav Havel vor Gericht, 1989

Das Manuskript zu diesem Buch ging am 2. Mai 2025 in Druck. Alles, was seither geschehen ist in diesen Zeiten, in denen die Geschichte – und mit ihr wahlweise hilf- oder verantwortungslose Politiker – mit Siebenmeilenstiefeln durch unser aller Leben trampelt, konnte nicht berücksichtigt werden. Vielleicht ist zu dem Zeitpunkt, an dem Sie dieses Buch lesen, schon alles wieder ganz anders!

Zu Beginn meiner Skizzen möchte ich kurz erzählen, was ich alles in den gut zwei Jahren nach meinem recht spektakulären Rauswurf von der Universität Bonn und eigentlich auch aus der guten Gesellschaft als Schwurblerin oder neuerdings als Rechte erlebt habe, erst in den Corona-Jahren, dann in den ersten beiden Kriegsjahren. Es war viel Schönes! Zuvor muss ich erwähnen, dass ich in vielerlei Hinsicht kein bundesrepublikanisches Durchschnittsleben gelebt habe. Ich war lange Jahre im Ausland (Paris, Washington, Brüssel, New York, Wien), habe kein Reihenhaus, kein Auto und keine Kaffeemaschine. Allein das zeigt eine gewisse Differenz zu dem, was man gemeinhin als normal erachtet. Und natürlich bin ich Akademikerin und hatte zuvor die normalen Leute – Handwerker, Kassiererinnen, Taxifahrer – genau als das wahrgenommen, was sie sind: Werktätige. Jedenfalls hatte ich, wie die meisten Akademiker, keine sozialen Kontakte oder Freundschaften mit Nicht-Akademikern. Es ist mir auch nicht aufgefallen. Im deutschen Osten war ich in meinem europäischen Leben seit 1989 eher selten.
Von heute auf morgen ein stattliches Gehalt zu verlieren und sich beim Arbeitsamt melden zu müssen, hat etwas Heilsames. Man macht interessante Begegnungen und lernt sehr viele, super-sympathische, hilfsbereite, engagierte, interessierte Leute kennen, in allen möglichen sozialen Zusammenhängen, einfach, weil man mal rauskommt aus seinem Milieu. Ich bin dankbar für diese Jahre, denn sie sind mir zu einem unvergleichlichen Erfahrungsschatz geworden!
Hier möchte ich, statt namentlicher Danksagungen am Ende des Buches, eine Hommage an diese Bürger und Bürgerinnen der Bundesrepublik machen und diese Hommage mit meinem allergrößten Dank an all jene verbinden – sicher Tausende von Personen –, denen ich in den letzten drei Jahren unverhofft begegnet sind, die bei meinen Vorträgen waren oder die meine Videos anschauen, die ein Selfie mit mir wollten, die mich auf der Straße oder im Café angesprochen haben, um mir für meine Arbeit oder Worte zu danken, die ein signiertes Buch von mir wollten oder die mich bei meinem Crowdfunding für meine Anwaltskosten im Frühjahr 2024 oder anderweitig unterstützt haben.
Es gab so viel Schönes, Wahrhaftiges und Echtes in diesen Jahren! Mitbürger, Fremde schickten mir Geschenke – Honig, selbstgemachte Leberwurst, Vitamintabletten, Tee oder selbstgestrickte Strümpfe. Viele sind jetzt in meinem Adressbuch, von Neuss bis Halle und Zürich, von Kiel über Duisburg nach Dinkelsbühl bis weiter nach Salzburg. Personen, denen ich sonst nie begegnet wäre, deren Bekanntschaft ich aber nicht missen möchte. Es ist, als hätte ich mein Land erst jetzt richtig kennengelernt.
Diese Bürger – nicht die Regierung! – sind die Hefe, die diese Republik aus dem Mehltau, der sie aktuell umgibt, wieder befreien und zum Blühen bringen werden! Sie machen unideologische, fleißige und unbezahlte/unbezahlbare Aufklärungsarbeit zu Corona, denn, wie jeder inzwischen weiß, haben die Querdenker inzwischen mit so gut wie allen vermeintlichen Verschwörungen Recht behalten. Diese Bürger organisieren jetzt Friedensbewegungen, denn der scheinbar notwendige Krieg ist die nächste Lüge. Vor allem die Bürger der ehemaligen DDR weben derzeit in unzähligen, privaten und liebevollen Initiativen die freundschaftliche und familiäre Bande zwischen Deutschland und Russland und sorgen für das biographische und intergenerationelle Gewebe, das kein Stacheldraht dauerhaft wird durchtrennen können. Die Ostdeutschen wissen auch noch, dass im letzten Krieg nicht nur 6 Millionen Juden, sondern auch 27 Millionen Russen zu Tode gekommen sind, die Erinnerungskulturen in Ost und West sind distinkt unterschiedlich.
Insgesamt wird viel nachgedacht über neue Konzepte des gesellschaftlichen Zusammenlebens: über ein anderes Geldsystem, eine andere Schule, ein anderes Gesundheitssystem oder bessere Nahrungsmittel in unseren Supermärkten. Die Aktivitäten der jungen Generation, die jetzt wie Fabian Kowalik, ein
einflussreicher Ernährungsberater auf TikTok, längst ihre neue Welt baut, sind hier sehr aufschlussreich: dutzendweise Video dieser sympathischen Jugend, die mit ihren gekonnten Kurzvideos spielerisch die Werbung für schlechte Konsumgüter und die Politik gleichermaßen dekonstruiert, zum Beispiel in den KI animierten Shorts »Zirkus Germania«. Das kann einem großes Vertrauen einflößen, dass sich die Dinge in diesem Land doch
noch mal ändern, und vielleicht schon bald!
Dort, bei diesen Bürgern, liegen so viel Wissen und Güte, Engagement und Schaffenskraft, liegen Ideen und Papiere, die zu übersehen sich keine Regierung leisten kann! Dieses Land ist im Umbruch und wird wieder auf die Füße kommen, aber nicht durch die Regierung Merz oder die 800 Milliarden, sondern weil diese Bürger längst wie Maulwürfe die Erde umgepflügt und ihre Projekte wie Blumenzwiebeln als Saat in die Erde gelegt haben.
Ich habe auch bemerkt, welche Mauern ich noch im Kopf hatte. Habe gesehen, wie vor der Tür schon viele andere Ausgestoßene standen, deren Ausstoß oder Ausschluss ich zuvor nicht bemerkt hatte oder nicht bemerken wollte. Welche Framings mir eingeflößt waren. Mit wem man sich am besten wirklich nicht trifft, rechts, ganz extrem, ganz schlimm. Nach zwei Jahren kann ich berichten, dass die meisten Personen, über die derlei erzählt wird – wenn man sie dann doch trifft, ihnen die Hand schüttelt und mit ihnen spricht –, meist sympathisch sind, höflich noch dazu. Oft verletzt durch die Ausgrenzung. Kränkung
verbindet. Es schafft eine Art Partisanen-Verbindung. Ich habe mit Querdenkern, Aluhüten, Lumpenpazifisten, Reichsbürgern, Randständigen aller Art und AfD-Politiker gelacht und Schweinebraten gegessen, gefeiert oder getanzt. Ich war bei der Erasmusstiftung und habe dort mit Bürgern diskutiert. Das Gleiche habe ich mit Linken gemacht, gar mit Kommunisten oder Anarchisten, zum Beispiel im Café Laidak in Berlin-Neukölln. Oder mit Katholiken, den echten, die die Messe noch auf Latein halten.

(Buchauszug aus „ZEITENWENDEN“ von Ulrike Guérot. Mit freundlicher Genehmigung des Westendverlages)


Siehe auch:

Buchvorstellung: Zeiten Wenden

von Ulrike Guérot Europa steht an einer historischen Schwelle.In ZeitenWenden seziert Ulrike Guérot den geistigen, politischen und gesellschaftlichen Zerfall unserer Zeit. Mutig und unerschrocken legt sie offen, wie Demokratien zerbröckeln, Freiheit preisgegeben und Europa…

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