Ein Reisebericht aus Russland vor dem 9. Mai und Erinnerungen an das Kriegsende
von Prof. Dr. Dr. Reinhard Hesse

Die Osteuropa-Sektion der Deutsch-Französischen Vereinigung Konstanz hatte mich eingeladen, von meiner Teilnahme an dem aus Anlass von Kants 300. Geburtstag Ende April 2024 in Königsberg/Kaliningrad von der dortigen staatlichen Kant-Universität ausgerichteten internationalen Kant-Kongress zu berichten. Das habe ich gern gemacht.
Es hat manche der Zuhörer überrascht, dass es überhaupt möglich war, in diesen Zeiten nach Russland zu reisen. Immerhin hatte die deutsche Außenministerin ja erklärt, es sei Ziel ihrer Politik „Russland zu ruinieren“ und immerhin ist Deutschland der größte europäische Waffenlieferant für den Krieg in der Ukraine. Und die Leitmedien tun seit Jahren ihr Bestes, um an Russland kein gutes Härchen zu lassen.
Russland sei unser Feind, meint auch der neue Außenminister Wadephul.
Nun, dieser Feind freut sich komischerweise, wenn wir ihn besuchen!
Jedenfalls hat er den Deutschen und mit ihnen den Angehörigen vieler anderer westlicher Staaten einen Besuch sehr einfach gemacht: ein Visum kann man per Handy im Internet beantragen, die Antwort kommt innerhalb von nur vier Kalendertagen, Wochenenden und Feiertage, mitgerechnet), kostet nur 40,- Euro und ist für 16 Tage gültig.
Ist man dann im Land, ist von Feindseligkeiten weit und breit nichts zu spüren. Im Gegenteil. Mein auf Russisch vorgebrachter Standardsatz „Entschuldigen Sie bitte, ich kann nicht Russisch“ hat regelmäßig die Frage zur Folge „Otkyda?“ – „Woher kommen Sie?“ und dann ein erfreutes Gesicht und interessierte Zuwendung, wenn ich antworte „Is Germanii – Aus Deutschland.“
So war es auch, als ich dieses Jahr Anfang Mai die sibirische Stadt Jekaterinburg besuchte. Ich hatte beruflich einige Wochen in Kasachstan zu tun und war auf den Gedanken gekommen, anschließend für eine Woche zum Kennenlernen dorthin zu fliegen. Von Astana aus dauert der Flug knapp zwei Stunden. Geflogen wurde mit einem Suchoy Super Jet
100 russischer Produktion. Visum- und Zollkontrolle verliefen routinemäßig glatt und problemlos. Die knapp halbstündige Fahrt vom nagelneuen Flughafen zu meinem „Grand Avenue Hotel“ an der Kreuzung von Karl-Liebknecht-Straße und Lenin-Boulevard in der Innenstadt kostet per Yandex-Taxi etwas mehr als zwei Euro. Das Hotel 60 Euro pro Nacht mit Frühstück, wegen der (nebenbei bemerkt völkerrechtswidrigen) Sanktionen in bar zu bezahlen. An der Rezeption spricht man Englisch, auch ein wenig Deutsch. Mein Zimmer ist ziemlich groß, das Bett angenehm, die Fenster sind schallisoliert, das Bad hat Fußbodenheizung. Das Hotelrestaurant macht zwar einen sehr gepflegten Eindruck, aber gegenüber gibt es ein georgisches Lokal – das ist exotischer! Suppe, Hauptgericht, Nachtisch und Getränk ca.15 Euro.
Dazu kostenlose musikalische Darbietungen durch georgisch gesungene Geburtstagsständchen.
Gegenüber vom Hotel ein großes Theater, unweit davon eine Konzerthalle, daneben eine enorm große Buchhandlung mit ausländischer Abteilung und allen denkbaren Büroartikeln. Auf der gleichen Seite des Lenin-Boulevards 200 Meter weiter das prachtvolle klassizistische
Opern- und Balletthaus in einem kleinen Park mit Springbrunnen; gegenüber der Säuleneingang der staatlichen sibirischen Universität Jekaterinburg. Es ist nicht leicht, einen Platz im Theater, im Konzertsaal oder in der Oper zu bekommen – das Interesse ist sehr groß. Einmal habe ich einen Platz in der Oper ergattert („Rigoletto“), einmal im Theater, in dem ein experimentelles Sprech-, Sing- , Musik- und Tanz-Stück über den Krieg aufgeführt wurde. Wegen mangelnder Sprachkenntnisse konnte ich nur erahnen, worum es ging.
Am nächsten Tag im historischen Museum lief es sprachlich besser, denn der Gründungsplan der Stadt Jekaterinburg wurde 1723 nicht nur auf Russisch, sondern auch auf Deutsch angefertigt. Einer der beiden Gründer war Russe, der andere Deutscher (von Henning). Beide stehen heute einträchtig nebeneinander auf einem Denkmalsockel im Zentrum der Stadt. Benannt haben sie die von ihnen gegründete Stadt nicht nach der deutschen Zarin Katharina II (die gab es 1723 noch nicht), sondern nach der zweiten Frau Peters des Großen, die mit ihrer Namensvetterin jedenfalls gemeinsam hatte, dass sie Russisch erst erlernen musste.
Jekaterinburg, das in einem sehr rohstoffreichen Gebiet liegt, hat heute etwa 1,3 Millionen Einwohner und ist eine aufstrebende Stadt mit modernen Industrien und Dienstleistern. In sowjetischer Zeit hieß sie Swerdlowsk. Vom Zweiten Weltkrieg ist sie verschont geblieben – soweit ist die Wehrmacht nicht gekommen. Aber ihren Blutzoll musste auch sie entrichten. Wieviele der 27 Millionen Toten, die der Angriff Nazideutschlands die Sowjetunion kostete, aus Jekaterinburg (damals
Swerdlowsk) stammten, weiß ich nicht. Aber mit Sicherheit mehr als genug, um auch den heutigen Einwohnern ein lebendiges Mitgefühl für die Leiden ihrer Großeltern und Stolz auf deren schließlich errungenen Sieg einzuflößen. Mir wurden mehrmals Anstecknadeln und Georgsbänder geschenkt, die ich am 9. Mai, dem Tag des Sieges über Nazideutschland, hätte tragen sollen. Das hätte ich auch gern gemacht – wer würde sich nicht darüber freuen, dass die schreckliche Mörderbande niedergeworfen wurde! Aber am Tag des Sieges musste ich aus terminlichen Gründen leider schon wieder in Deutschland sein. Immerhin hat es ein glücklicher Zufall so gefügt, dass ich das Ende des Krieges auf andere Weise würdigen durfte: Eine große russische Internetplattform hatte ihren Lesern in einem Rundschreiben angeboten, kurze Texte in Erinnerung an die Zeit des Kriegsendes einzureichen und hatte neben anderen auch den Text ausgewählt, den ich eingeschickt hatte. Ich füge ihn hier zum Abschluss meines Reiseberichts an:
Erinnerungen aus der Zeit des Kriegsendes
Ich wurde im Juni 1945 geboren, habe also den glücklichen Tag des Kriegsendes ahnungslos im Bauch meiner Mutter verbracht. Meine Mutter, Jahrgang 21, hatte es geschafft, als Büroangestellte an der „Luftwaffenerprobungsstelle Rechlin“, nördlich von Berlin, angestellt zu werden, wo mein Vater, Jahrgang 19, als Mechaniker arbeitete. Seine Aufgabe war, Flugzeuge zu reparieren, die an der Ostfront eingesetzt worden waren. Weder dem Nationalsozialismus noch gar dem Krieg stand er positiv gegenüber. Als die Sowjetarmee den Ring um Berlin schon fast geschlossen hatte, wurde die Luftwaffenerprobungsstelle Rechlin aufgelöst und mein Vater bekam ebenso wie die übrigen dort beschäftigten wehrfähigen Männer den Befehl, nach Berlin zu abmarschieren. Nun war es nicht in seinem Sinn, etwas für das nationalsozialistische Deutschland zu tun und dabei mitzuhelfen, den Krieg zu verlängern; noch wollte er sein Leben in den letzten Zuckungen des schon lange verlorenen Krieges sinnlos verlieren; auch wollte er nicht gezwungen sein, auf andere Menschen zu schießen und diese erniedrigende Erfahrung für den Rest seines Lebens mit sich herumzutragen. Seine hochschwangere Frau hatte sich unter abenteuerlichen und gefährlichen Umständen allein bis zu ihren Schwiegereltern im halbwegs sicheren Sauerland durchgeschlagen. Er fand, dass sein Platz an ihrer Seite sei und wollte nach dem absehbaren baldigen Ende des gräulichen Spuks mit ihr zusammen ein neues Leben aufbauen und hoffentlich seine Heimatstadt politisch neu mitgestalten. In seiner Kindheit hatte er sich eine Knieverletzung zugezogen, die keine besonderen Folgen hatte außer der, dass das betreffende Knie deutlich anschwoll, wenn es einen starken Stoß abbekam. Seine rettende Idee war nun, mit einem Holzschait kräftig auf sein Knie zu schlagen, um es so zum Anschwellen zu bringen. Ein verständiger Truppenarzt schrieb ihm mit Bleistift auf ein abgerissenes Stück Papier „Gefreiter Hesse zum nächsten Lazarett“. Das war das Wichtigste. Außerdem behielt er seine Pistole bei sich, um im Fall einer Begegnung mit einem diensteifrigen „Kettenhund“ (Militärpolizei) hoffentlich schneller zu sein als dieser. Er begegnete aber keinem, schlug sich auf einem Fahrrad bis ins bereits befriedete, britisch besetzte Schleswig-Holstein durch, schlüpfte dort bei einem Bauern in Zivil für ein paar Wochen als Knecht unter und setzte dann den Weg zu seinem „Lazarett“ ins Sauerland fort, wo er gerade noch rechtzeitig eintraf, um die letzten Tage der Schwangerschaft und meine Geburt in dem intakt gebliebenen Krankenhaus meiner Heimatstadt zu erleben. Der Kirschbaum in unserem Garten hatte im Frühjahr 45 schon sehr früh geblüht und so konnte er meiner Mutter einen großen Teller prächtiger roter Kirschen mitbringen. Die Rechnung des Krankenhauses für den zweiwöchigen Aufenthalt einer Person, für die Geburt und für den anschließenden einwöchigen Aufenthalt einer weiteren Person betrug 79,92 Reichsmark. Der bleistiftbeschriebene Zettel des Arztes und die Rechnung sind noch in meinem Besitz. Der Kirschbaum hat später nie wieder so früh geblüht.






