Straßenumbenennungen in Konstanz?

Nein zur Cancel Culture.

von Claus-Dieter Hirt

Straßenumbenennungen haben etwas Postrevolutionäres. Sie erinnern fast an die gescheiterten Akteure der zweiten französischen Revolution unter Robespierre: Versuchten doch auch sie, Namen und Erinnerungen fast unwiderruflich zu tilgen.

Zu Straßenumbenennungen kam es in der Regel nach politischen Umbrüchen, nach dem 1. Weltkrieg, nach dem 2. Weltkrieg, aber auch nach der deutschen Wiedervereinigung. Die aktuelle europaweite Welle von Straßenumbenennungen, die auch Konstanz erfasst hat, ist eher auf der emotionalen Ebene begründet und rational nur teilweise nachvollziehbar. Es sind politische, ja ideologische Motive, die eine nicht ungefährliche Entwicklung in unserer liberalen Demokratie mit sich bringen.

Für Südwestdeutschland gilt, dass man sich der Symbolkraft von Straßennamen gerade im deutsch-französischen Verhältnis bewusst sein muss: Deshalb erhielt der Konstanz Oberbürgermeister bereits im Juni 1945 den Befehl der französischen Militärregierung, sofort alle Vorkehrungen zu treffen, die in den 1930 Jahren hinzugekommenen ideologisierten Straßennamen rückgängig zu machen. Tage später wurde nicht nur das Adolf- Hitler-Ufer wieder zu Seestraße; auch Straßenbenennungen in Reminiszenz zum Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 wie die Sedan-, Belfort-, Elsässer-und  Weissenburgstr. wurden zurückgenommen. Insgesamt 31 Straßennamen änderte der Konstanzer Rat in Folge der französischen Weisung.

Doch zum Aktuellen: Aufgrund des Beschlusses des Gemeinderates der Stadt Konstanz sollen ab 2025  folgende sechs Straßen umbenannt werden:

Franz-Knapp-Passage, Conrad-Gröber-Straße, Hindenburgstraße, Otto-Raggenbass-Straße, Werner-Sombart-Straße und die Felix-Wankel-Straße.

https://www.konstanz.de/service/presse/pressemitteilungen/strassenumbenennungen+in+konstanz

Dass es sich hierbei um rein politische Entscheidungen handelt, zeigen beispielhaft die Fälle Conrad Gröber und Paul von Hindenburg. Bis zu ihrem Abzug 1978 nahm die französische Besatzungsmacht, die die Demokratie in diesem Landesteil wieder einführte, keinen Anstoß an diesen Straßennamen. Und dies zu einer Zeit als der Name Hindenburg noch gegenwärtig und der Reichspräsident gerade erst zehn Jahre tot war. 80 Jahre später und in einer eher geschichtsvergessenen Zeit fühlt sich der Gemeinderat von Konstanz nun dazu befähigt, mehrheitlich Hindenburgs Lebenswerk abschließend zu „beurteilen“, Es ist wohl eher ein voreingenommenes „Verurteilen“ des Reichspräsidenten, denn in den öffentlichen Berichten wird als maßgebliche Begründung seine Ernennung von Hitler zum Reichskanzler 1933 aufgeführt. Verschwiegen wird, dass Hindenburg 1932 als Reichspräsident gegen Hitler antrat und obsiegte und dies als Kandidat der bürgerlichen Parteien und der SPD!

Zu Conrad Gröber verweisen wir zunächst auf unseren Artikel vom von Friedrich Kratzer. Die darin aufgeführten Gründe bewegten die von der Stadt Freiburg eingesetzten Historiker, im Unterschied zu der Konstanzer Fachkommission eben keine Umbenennung der Conrad-Gröber-Straße zu empfehlen.

https://www.freiburg.de/pb/site/Freiburg/get/params_E1625727966/1028363/Strassennamen_Abschlussbericht.pdf

Laut Pressemitteilung der Stadt Konstanz wurde gegen vier der sechs Straßen Umbenennung Beschlüsse des Gemeinderates Widerspruch eingelegt. Hier gilt es abzuwarten, was das Verwaltungsgericht entscheidet. Eines aber ist klar: Die Bewertung von Personen und deren Werke ist stark zeitgebunden und kann vielleicht nie ganz abgeschlossen werden. Will man das vermeiden, dann kann man künftig Straßen einfach durchnummerieren oder nach der Botanik benennen. Einen wohl besseren Weg hat die Stadt Tübingen beschritten. Straßenschilder mit Namen von Personen, die aus aktueller Sicht umstritten sind oder Untaten zu verantworten haben, werden erläutert.  Wörtlich schreibt die Stadt auf ihrer Homepage: „Zu diesem Zweck wurde in die Pfosten der betreffenden Straßenschilder symbolisch ein Knoten „geknüpft“. Er weist prägnant darauf hin, dass hier etwas zur Diskussion steht. Über einen QR-Code gelangen Interessierte zur ausführlichen Kommentierung des Straßennamens“.

https://www.tuebingen.de/35727.html

Nichts wäre einfacher, als dasselbe in Konstanz zu tun! Überhaupt wäre das Anbringen von kleinen Schildern mit einem QR Code generell an Straßen die einen Personennamen tragen angebracht. Schließlich weiß nicht jeder, dass Christoph Daniel Schenck, nach dem in Konstanz eine große Straße benannt ist, ein Bildhauer war, der von 1633-1691 lebte…

Schreiben Sie eine Mail an die Redaktion, wenn Sie mit uns die Straßenumbenennungen ablehnen! unser.konstanz@gmail.com

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