Das Konradifest und Erzbischof Conrad Gröber in Konstanz

von Friedrich Kratzer

Wir schreiben den Sonntag, 21. November 1943. Im Konstanzer Münster wird wie alle Jahre das Fest des ersten Stadtpatrons von Konstanz, der hl. Bischof Konrad Graf von Altdorf, +26.11.975, gefeiert*. Um noch einen Sitzplatz zu ergattern, saß Albertine** aus den Stadtteil Paradies bereits zwei Stunden vor Beginn der nachmittäglichen Konradifeier im ungeheizten Münster – ungeachtet der Gefahr, wieder an einer Lungenentzündung zu erkranken – wie in den Jahren zuvor, als sie jedes Mal nach dem Konradifest schwer erkrankte, und jedes Mal dem Tod noch von der Schippe sprang.



Eineinhalb Stunden vor Beginn, als es im Münster schon keine Stehplätze mehr gab, drängten sich die Menschen bis vor in die Seitenkapellen. Es waren nicht nur gläubige Christen, welche sich hier versammelten, auch die Geheime Staatspolizei (Gestapo) hatte sich mit ihren Steno-Blöcken in der Ecke rechts hinten niedergelassen. Die versammelte Menge, unter der sich auch die Geistlichkeit der evangelischen Lutherpfarrei befand, wartete Rosenkranz betend auf den angekündigten Prediger des Festes: Erzbischof Dr. Conrad Gröber, aus Freiburg.

Gleich nach dem feierlichen Einzug um 17 Uhr, bestieg Erzbischof Conrad die Kanzel. Nach einleitenden Worten zum Fest, kam der Erzbischof zur Sache. Wortgewandt geißelte er zunächst die Christenverfolgung durch die Nazis, die Beschlagnahmung von kirchlichen Einrichtungen und Klöster, die Vertreibung von Nonnen, Mönchen und Priestern. Spannend wurde es dann als der Erzbischof von der Kanzel rief: „Jetzt aufgepaßt, ihr dahinten, jetzt kommt etwas zum Mitschreiben!“ -gemeint waren die Gestapo-Spitzel. Der Erzbischof verurteilte dann die Vernichtung „unwerten Lebens“, Menschen anderer Rassen und anderen Glaubens; und zu den Spitzeln gewandt: „…. die so etwas befehlen und zulassen: Mörder sind es, Mörder sind es, und ich sage es ein drittes Mal: Mörder sind es! … Habt ihr das verstanden da hinten?“ In diesem Stil ging es über eine Stunde weiter.

Die Gröber-Predigten endeten meistens mit dem kräftig gesungenen Kirchenlied „Ein Haus voll Glorie schauet“. Nach der Reliquienprozession und dem Segen endete nach zwei Stunden die abendliche Konradifeier. Vor dem alten Pfarrhaus am Münsterplatz versammelte sich dann die Menge der Gläubigen und skandierten: „Wir wollen unsern Bischof sehen“, bis Erzbischof Conrad nochmals vom Balkon aus den Segen spendete. Wie die meisten katholischen Bischöfe – auch der spätere Kardinal Graf von Galen -, versuchte auch Erzbischof Gröber vergeblich ab 1933, sich mit dem Nazi-Regime und/um auf diese Weise Einfluß auszuüben, zu arrangieren. Conrad Gröber begann dann innerhalb und außerhalb seiner Erzdiözese seine von den Nazis so gefürchteten und verhaßten Predigten. Es ist hinreichend bekannt, daß die Nazis ihn für einen ihrer erbittertsten Gegner hielten. Nur das Verbot des „Führers“ Bischöfe zu verhaften, bewahrte ihn vor KZ und Märtyrertod.

Nach einer über eine Stunde dauernden Festpredigt Gröbers zum Blutfreitag 1937 in Weingarten, hat die NSDAP den Blutfreitag 1938 mit seiner berühmten Reiterprozession „wegen einer Maul- und Klauenseuche“ (zur Strafe) verboten. Mit Hilfe der Caritas-Angestellten Gertrud Luckner (1900-1995), unterstützte Conrad Gröber aus der Diözesankasse verfolgte Christen und Juden. Nachzulesen ist alles in der ausgezeichneten Forschungsarbeit der beiden Universitätsprofessoren Mühleisen und Burkard.

Zum Schluß: Wie erwartet bekam Albertine nach dem Konradifest am 21. November 1943, wieder ihre Lungenentzündung; nur – dieses Mal hat sie diese nicht überlebt. An deren Folgen ist sie am 6. Januar 1944 gestorben. RIP.


* 21. November 1943, äußere Feier des Konradifestes. Im Kalender am 26.11.
**Albertine Schächtle-Hörenberg, (1871-1944), Urgroßmutter des Verfassers.

Quellen:
Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Otto Mühleisen, Universität Augsburg, und
Prof. Dr. Dominik Burkard, Universität Würzburg:  Erzbischof Conrad Gröber reloadet  ISBN 978-3-95976-305-9
Paul Kopf Der Blutfreitag in Weingarten -Zeugnis in Bedrängnis und Not 1933-1945, ISBN 3-88-294-145-6
Alfred Beer Erzbischof Dr. Conrad Gröber -Ein Lebensbild, Verlagsanstalt Merk & Co. Konstanz, 1958
Mündlich überlieferte Augenzeugenberichte.

Bild: Erzbischöfliches Archiv Freiburg

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